Menü

Testbericht Vor-/End-Kombi: Cayin SC10/Cayin 880 im Test

High Ender wollen alles. Wunderschöner Röhrenklang und trotzdem bärige Stärke – kann das denn funktionieren? Eine neue Kombi von Cayin will dem Dilemma aus dem Wege gehen.
© Hersteller / Archiv

Vorstufe: Cayin SC 10

Cayin SC 10
Gesamturteil: sehr gut, 80 Punkte
  • +Edel und massiv aufgebaut
  • +luftiger und atmosphärischer Klang

"Sehr schön", nickt der High Ender. Bei der Cayin-Vorstufe SC 10 für 5000 Euro besteht nicht nur wie üblich die Front, sondern das gesamte Gehäuse aus zentimeterdickem Alu – und wird dazu von viel dickeren Rahmenprofilen gehalten. Da drückt man doch gern mal auf die verchromten Quellenwahl- und den Mute-Tipper. Das Drehgefühl am Lautstärkeregler deutet auf ein Alps-Motorpotentiometer hin, das auch der mitgelieferten Fernbedienung gehorcht.

Die Vorstufe SC 10 besitzt eigenständige Netzteile für rechts und links. © Hersteller / Archiv
Die Vorstufe SC 10 besitzt eigenständige Netzteile für rechts und links.

Wohlgefällig registriert der Betrachter die einzeln mit der Rückseite verschraubten Cinchbuchsen. Nach dem Abheben des Vorstufen-Deckels entfährt ihm ein anerkennendes, deutlich zu vernehmendes "Aha". Auf dem Stahlchassis stechen zunächst die beiden rot lackierten Trafo-Gehäuse ins Auge sowie hüben und drüben je zwei große Elkos mit den Angaben "Nichicon 470 Mikrofarad, 400 Volt" sowie "105 Grad", was auf besondere Temperaturfestigkeit und Langlebigkeit weist.

Mehr lesen

Schnell hat der Kenner sich vergewissert, dass die neben den Trafos postierten großen Sovtec-Röhren namens 5AR4 den guten alten, stromkräftigen und in den 50ern hochgehandelten GZ 34 entsprechen – selbst ein ausgewachsener Vollverstärker käme mit solchen Netzteilen prima aus. Die Röhren-Doppeldioden agieren überdies beim Durchlassen der positiven Halbwellen und dem Sperren der negativen ruhig und gelassen. Die viel preisgünstigeren gängigen Halbleiter-Pendants indessen schreien bei jedem Polaritätswechsel "Aua", indem sie Impulsspitzen erzeugen.

Praxis: Raumeinmessung selbst gemacht

Ergo dürfen Silizium-Bauteile bei der SC 10 – dann allerdings in Unmengen – erst zur Stabilisierung und Feinsäuberung ran. Ebenso zur Aufbereitung der relativ unkritischen Heizspannungen. Die eigentliche Verstärkerschaltung hat Cayin dagegen – von der Quellenwahl-Relaisbank und dem Alps im Eingang abgesehen – fast steinzeitlich einfach gehalten. Die Signale werden von einer Doppeltriode (mit den zwei Systemen einer ECC 83 in Parallelschaltung) etwas angehoben, von einer zweiten Doppeltriode (ECC 82) über die Fußpunktelektroden relativ niederohmig nach draußen gereicht, und fertig. Das Teuerste daran: die amerikanischen Multicaps, dicke, handgewickelte Folienkondensatoren, die Cayin zur Signalkopplung verwendet.

Das alles erinnert an die Vorstufen Reference 5 und Reference Anniversary, bei denen Konkurrent Audio Research insgesamt noch größeren Aufwand betreibt. Kurz und gut und nicht lange um den Brei herum: Mit der SC 10 schließt sich Cayin der gleichen Philosophie in einer bezahlbareren Klasse an.

Endverstärker: Cayin 880

Cayin 880
Gesamturteil: sehr gut, 83 Punkte
  • +schwere Endverstärker
  • +feiner, kultivierter Klang

Auch bei Röhren-Endverstärkern gibt es schon längst kein Rad mehr neu zu erfinden. Es kommt vielmehr auf Detaillösungen an. Etwa dass Cayins 880er einen symmetrischen Eingang nicht nur vortäuschen und einen der heißen Anschlüsse einfach auf Masse legen. Mit einem Extra-Puffer-IC nehmen die brandneuen Monoblöcke die Doppelsignale vielmehr weitgehend ausgewogen und ohne unerwünschte Masseverkopplung in Empfang. Dann bemüht sich nicht eine, sondern ein parallel geschaltetes Trioden-Duo im Gleichschritt um die erste Verstärkung. In der Folge stellen weitere Trioden Gegentaktschwingungen her.

Beim Monoblock 880 ist die Kanaltrennung außen vor. © Hersteller / Archiv
Beim Monoblock 880 ist die Kanaltrennung außen vor.

In den meisten Amps steuern diese „Phasensplitter“ direkt die Endröhren. Nicht so in den 880ern. Weil bei dieser Arbeit schon mal Gitterstrom fließt und sonst was passieren kann, ordnete Cayin zwischen Splitterund Endstufe robuste 6N6-Treiberröhren an.

Praxis: Lautsprecher richtig aufstellen

Die vier von Electro Harmonix bezogenen Russen-Leistungspentoden des Typs KT 88 bedeuten noch nicht viel, die Option, auf stärkere KT-120-Quartette wechseln zu können, sagt immer noch nicht alles. Der Blick auf den Netztrafo (seine Haupt-Sekundärwicklung stemmt 0,5 Ampere bei 350 VoltWechselspannung) und auf die beiden riesigen Nichicon-Speicherelkos lässt aber vermuten, dass solch ein Monoblock fast jede Box antreiben kann.

Nach Ruhestrom-Justage via Drehspulinstrument und nach Anschluss der kritischen Sonics Allegra sagten die Monoblöcke dazu eindeutig Ja. Im Bass sogar mit unbeugsamem stoischem Nachdruck – und obenrum, wie gewünscht, frisch-frei-luftig, federleicht.

Reichte die Leistung also dicke aus, vergnügten sich die Monoblöcke geradezu daran, Röhren-Kritik ad absurdum zu führen. Von wegen zu weich: Ein Kontrabass erschien genau mit dem rechten Maß an Volumen, Holz, fettem Schnalzen und Saitenspannung. Es bereitete größten Spaß, sich etwa in Vienna Tengs „Love Turns 40“ hineinziehen zu lassen, und dem Nachhall-Schimmer aus dem Flügel-Korpus gönnten die Cayins ein völlig gelöstes schwebendes Ausbreiten. Deswegen legten sie aber nicht das geringste Blättchen zu viel an Goldglanz auf. Bei Tengs Stimme konnte von Überbetonung nicht die Rede sein, die Dame sang rosig, lebendig, völlig unprätenziös und natürlich.

So liegt der Reiz der Cayin-Blöcke – wie sich an diversen Laustprechern zeigte – nicht in der schnellen Röhren-Verführung. Sie werden vielmehr ihren Besitzer dadurch glücklich machen, dass er mit den 880 jede Art von Musik immer mit Sonnenlicht, immer wohlproportioniert und nie aufdringlich hören darf.

Falls er doch noch nach ausgeprägterem Röhrenklang verlangt, bietet sich die passende Vorstufe Cayin SC 10 durchaus an. Fluss und Licht stimmten hier, die Musikwiedergabe verströmte Kultur und Edelmut. Die Hingabe der SC 10 zu leuchtendem Makeup und die Lust, den Farbpinsel locker und weit ausholend zu schwingen, führten aber auch zu dem Attribut: „Auf Flair und schöne Wirkung bedacht“.

Fazit

Die SC 10 lädt also zum Verlieben ein. Die Cayin-Monos 880 auch, zudem haben sich diese mit ihrer Objektivität ein Highlight verdient.

 
x