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Vergleichstest Vier High-End-Vollverstärker im Test

Vier höchst unterschiedliche High-End-Vollverstärker hat stereoplay auf Klang und Funktionalität untersucht. Welcher besitzt das Zeug zum neuen Klassiker?
High-End-Vollverstärker © Hersteller/Archiv

High-End-Vollverstärker

Die gehobene, solide Mittelklasse ist nicht nur bei Automobilen das technologische und wirtschaftliche Rückgrat eines Herstellers. Hier agiert solide Transistortechnik mit High-End-Ambitionen und mächtigen Leistungsreserven; für exotische Ideen ist kein Platz. Klanglich müssen die Boliden den Geschmack möglichst vieler Zuhörer treffen und mit unterschiedlicher Lautsprechertechnik klarkommen, ohne dabei in die Knie zu gehen oder wegzudriften.

Die stereoplay-Redaktion bestellte vier Vertreter dieser scheinbar von Kompromissen auf hohem Niveau geprägten Klasse um 4.000 Euro, um herauszufinden, was die neueste Vollverstärker-Generation draufhat.

  • Der Moon 340i besetzt mit 2.900 Euro in seiner Grundausstattung das untere Ende des Preisspektrums im Testfeld.
  • Es folgt der Marantz PM11S3 für 4.000 Euro. Er glänzt mit großzügiger Ausstattung und edel anmutender Fernbedienung.
  • Der Luxman L505 schlägt in seiner neuesten Variante uX mit 5.000 Euro zu Buche.
  • Mit dem Musical Fidelity M 500i für 5.500 Euro endet die Preisliste des Testfelds. Dafür, dass er der teuerste Testteilnehmer ist, bietet er aber auch mit Abstand die beste Ausgangsleistung. Er kann in Summe rund ein Kilowatt durch die Anschlussklemmen schicken.

Beinahe umgekehrt verhält sich das Testfeld in Sachen Ausstattung. Hier bildet der Musical Fidelity mit seinem minimalistischen Konzept das Schlusslicht. Marantz und Luxman bieten an heutige Bedürfnisse angepasste, klassische Vollverstärker-Funktionen von der Klangregelung bis zum Tape-Monitor. Der Moon-Vollverstärker kontert mit seinem modularen Konzept. Und er lässt sich schrittweise um symmetrische Eingänge, Phono und sogar einen integrierten D/A-Wandler erweitern.

Am Ende zeigte sich: Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Somit war der Hörtest richtig spannend.

Marantz PM11S3

Marantz PM11S3, 4.000 Euro.

Fernbedienungen

Fernbedienungen sind immer Geschmackssache. Ein Hersteller kann es niemals allen potenziellen Kunden recht machen. So unterscheiden sich die Handgeber der vier Testkandidaten in Ergonomie und Mechanik auch recht erheblich.

Tendenziell liegen Moon und Musical Fidelity konzeptionell noch am nächsten beieinander. Beide Hersteller bieten eine Kunststoff-Fernbedienung mit Gummitasten für die gesamte Produktserie an. Massenanfertigungen wirken vielleicht etwas billiger, als man es für die Preisklasse erwartet, aber die  Infrarotgeber arbeiten dafür langlebig und zuverlässig. Marantz packt die Funktionen in einen deutlich edler wirkenden Metallriegel und bestückt ihn ebenfalls mit Knöpfen für eine ganze Marantz-Anlage: schön gruppiert. Alle Tasten bieten dank knackigem Druckpunkt eine gute Rückmeldung.

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Luxmans Geber wirkt etwas unergonomisch, liegt aber überraschend gut in der Hand und macht mit seinem Alugehäuse den wertigsten Eindruck. Er bietet als einziger im Test ausschließlich Funktionen für den Verstärker und wirkt daher sehr aufgeräumt.

Schlank oder breit, Metall oder Kunststoff: Fernbedienungen sind sicherlich Geschmackssache. Marantz und Luxman hinterlassen mit ihrem Metallgehäuse den wertigsten Eindruck. Moon und Musical Fidelity schaffen dafür mit Farbe intuitiv erfassbare Ordnung.

Mehrkanal-Potenziometer sind typischerweise bei Mittelstellung auf Gleichlauf geeicht. © Hersteller / Archiv
Mehrkanal-Potenziometer sind typischerweise bei Mittelstellung auf Gleichlauf geeicht.

Lautstärke ist relativ

Wer sich an alte Verstärker aus den Siebzigern und Achtzigern erinnert, der weiß, dass man eine gute Zimmerlautstärke irgendwo auf Reglerstellungen zwischen neun und zwölf Uhr – im übertragenen Sinne – hörte und es zwischen zwölf und drei Uhr richtig laut wurde.

Das hatte seinen Grund: Mehrkanal-Potenziometer, mit denen die Lautstärke damals geregelt wurde, sind typischerweise bei Mittelstellung – zwölf Uhr – auf Gleichlauf geeicht.

In den Neunzigern kam der Irrsinn auf, dass man die Regler immer empfindlicher machte, und nun sind wir dort angelangt, dass neun Uhr bereits richtig laut ist und im Falle der beiden Testgeräte mit klassischem Regler, Moon und Luxman, bereits vor der Mittelstellung bei normal ausgesteuerter Musik der Verstärker zu klippen beginnt – bei Lautstärken, die den tolerantesten Nachbarn wütend machen, falls man solch einen Pegel überhaupt seinen Ohren und Lautsprechern zumuten möchte.

Praxis: Bi- und Tri-Amping

Das soll „Power“ vermitteln, sagen die Marketing-Strategen. Tatsächlich aber sorgt es dafür, dass vor allem für Besitzer von Lautsprechern mit einem hohen Wirkungsgrad und Genießer, die leise Töne bevorzugen, die Dosierung der Lautstärke unnötig schwierig wird.

Zum Glück zeigte der Moon auch bei sehr geringen Lautstärken mit klassischer Regelung einen exakten Kanalgleichlauf. Beim Luxman kann bei der Balance auch nichts schiefgehen, da der Regler nur die interne Regelung steuert, die rein elektronisch funktioniert. Trotzdem wünschten sich die Tester – und sie sprechen im Namen aller Kunden –, dass die Hersteller wieder einen weiträumigen, besser dosierbaren Regelbereich verwenden.

Geräte mit rein elektronischer Lautstärkeregelung wie der Marantz und der Musical Fidelity zeigen, dass Kunden es zu schätzen wissen, wenn man im Leisen einen fein dosierbaren Bereich zur Verfügung hat und die typischen Abhörlautstärken irgendwo um die Mitte des Regelbereichs herum liegen. Diese Meinung ist mehrheitsfähig: So reicht etwa die THX-Lautstärkeskala von -67 bis +12 dB, mit typischer Zimmerlautstärke bei -30 bis -20 dB. Und niemand käme ernsthaft auf die Idee, zu behaupten, THX-Amps mangele es an Power!

Die Verstärker im Hörtest

Ein Verstärker verstärkt. Wenn nichts rauscht oder klirrt, kann nichts passieren. Denkste! Auch in dieser Preisklasse bilden die Verstärker durchaus eigene Charaktere aus und unterscheiden sich deutlich, wenn auch alle auf ähnlich hohem Niveau spielten.

Betrachtet man etwa Gesangsstimmen, gab es enorme Unterschiede. Die Stimme von Liz Madden von der Gruppe Rua klang bei Moon und Musical Fidelity wie aus einem Guss, nur bildete der Engländer sie ein wenig größer ab. Beim Marantz passte die Größe am besten, dafür konnte man die Stimme und die - heute gebräuchlichen - künstlichen Transienten des Exciter-Effekts separat wahrnehmen, die Stimmen einen zusätzlichen Glanz verleihen. Beim Luxman ließ sich etwas mehr von der unbehandelten Stimme wahrnehmen, dafür wirkte die Intonation ein wenig mehr gepresst, wenn es lauter wurde.

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Ein anderes Bild ergab sich bei fetzigen Jazz-Aufnahmen mit ihrem komplexen Zusammenspiel, etwa bei der Band Jazzkantine. Der Musical Fidelity drückte die Band souverän in den Raum und er groovte wunderbar. Ähnlich musikalisch ging es beim Marantz zur Sache, vielleicht räumlich noch etwas besser sortiert. Dem Moon fehlte ein Hauch an Druck, der Luxman dürfte im Bass etwas mehr Kontrolle besitzen.

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Große Flügel wie bei Nik Bärtschs „Holon“ baute keiner besser und greifbarer in den Raum als der M6 500i. Der Moon und der Luxman kitzelten die reichste Palette an Klangfarben aus dem Instrument und der Marantz zeichnete seine räumlichen Konturen am genauesten nach. Alles Geschmackssache? Nein. Der Moon ist dank seiner filigranen Spielweise einen Tick besser, der Musical Fidelity zeigt, dass viel Leistung manchmal einfach doch mehr bringt.

Fazit

Welcher der vier Verstärker besitzt nun das Zeug zum Klassiker? Der Röhren-ähnliche Luxman und der universelle Marantz sicher. Auch der Moon, der trotz seiner etwas geringeren Leistung einer der feinst klingenden Verstärker dieser Klasse ist. Doch vor allem der Musical Fidelity wird wegen seiner Präzision und der unbändigen Kraft Spuren hinterlassen.

 
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