Beim Genuss von Live-Musik sollte ein Ohrschutz nicht fehlen. AUDIO prüfte fünf Ohrstöpsel bis 30 Euro: Wer schützt richtig gut – und erfüllt zugleich HiFi-Ansprüche?
Live-Musik hat einen ganz besonderen Reiz: Die Mischung aus unmittelbarer Nähe zu den Musikern, der ansteckenden Euphorie der Fans und einer Prise Adrenalin im Blut verleiht Konzerten eine Dynamik, wie sie CDs nicht bieten könnten. Besonders im Spätsommer findet ein Auftritt nach dem anderen statt. Also: Raus aus dem Hörraum und ab ins Getümmel, um so viele Gigs wie möglich zu besuchen.
Doch Moment: Bei aller Freude darf ein Helferlein auf gar keinen Fall fehlen – der Gehörschutz. "Quatsch", wird mancher jetzt denken, oder: "wie uncool". Zumal ja eigentlich der Mann hinter dem Pult für einen korrekten und unbedenklichen Sound verantwortlich ist. Doch nicht ohne Grund bekommen angehende Tontechnik-Neulinge zu Beginn ihres Studiums die goldene Regel eingetrichtert, dass das Gehör als unser wichtigstes Werkzeug besonders schutzbedürftig sei. Fehleinschätzungen mancher Kollegen oder andere Faktoren wie pegelsüchtige Club-Besitzer führen indes dazu, dass die 100dB-Marke live oft deutlich überschritten wird.
Sensibel: Die Schallwellen eines Horns sind zwar hübsch anzusehen, haben aber für den Hörmechanismus des Menschen fatale Folgen, wenn man direkt daneben steht. Ist etwa das feine Hammer-Amboß-Steigbügel-Konstrukt (rechts oben über der „Schnecke” zu sehen) erst einmal beschädigt, ist ein bleibender Hörschaden sicher. Die Regel lautet also: Immer einen Gehörschutz verwenden!
Und: Beeinträchtigungen des Gehörmechanismus treten bereits ab 104dB auf – bleibende Schäden ab 109dB. Dabei sind die hohen Frequenzanteile die gefährlichsten für das Gehör – die tiefen Bässe verursachen schlimmstenfalls Bauchschmerzen und Übelkeit.
Wie soll man demnach als Konzert-Fan vorgehen? Aus Vorsicht einfach immer ganz weit hinten stehen (da hohe Töne bei der Ausbreitung des Schalls am schnellsten ihre Energie verlieren) und dort am miesen Sound leiden? Oder überhaupt keine Live-Musik mehr genießen? Beides keine echten Alternativen. Also: Her mit dem Gehörschutz! Ob er dann wirklich zum Einsatz kommen muss, ist vorerst zweitrangig.
Gehörschutz vs. Klang
Doch in der Praxis ist Schallisolation und Schutz nicht alles. Besonders als HiFiist legt man großen Wert darauf, möglichst neutral und unverfälscht zu hören. Dann einfach einen Zipfel Taschentuch in die Ohren zu stopfen, wäre ein Unding. Auch die klassischen gelben Schaumstoffplugs (oft bei Bauarbeitern zu sehen) sind zu Recht unbeliebt. Für den Spagat zwischen Schutz und tonaler Neutralität bestens geeignet sind natürlich maßgeschneiderte Sonderanfertigungen, die mit speziellen akustischen Filtern ausgestattet sind. Aber: Sie sind in der Herstellung aufwendig, weil ein Hörakustiker zunächst einen Abdruck des Gehörganges anfertigen muss, um dann daraus den eigentlichen Schutz herzustellen – daher ist das Ganze auch nicht ganz billig.
Glücklicherweise gibt es auch deutlich preiswertere Lösungen, die mittlerweile einen ähnlich guten Effekt bieten wie ihre teureren Pendants. Meist bestehen sie aus Silikon, was eine Anpassung an die Ohren der meisten Menschen ermöglicht. Für Personen mit schmalen Gehörgängen gibt es entsprechend kleinere Versionen, und selbst Exemplare für Kinder sind verfügbar (man achte einmal auf die hohe Anzahl von Kleinkindern ohne Gehörschutz auf Livekonzerten). Praktisch: Silikon ist pflegeleicht und lässt sich einfach unter lauwarmem Wasser reinigen. Manche Schutz-Stöpsel kommen sogar mit austauschbaren Filtern, um den Dämpfungsfaktor oder die tonale Abstimmung zu ändern. So lässt sich ihre Wirkung nach Lust und Laune erhöhen oder abschwächen.
Gehörschutz: Worauf kommt es an?
Wie man den Schall und dessen Lautstärke wahrnimmt, hängt von vielen Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielt das Alter: Ein 15-Jähriger hört nun mal besser (oder einfacher) als die meisten 60-Jährigen. Doch auch physische und psychische Faktoren sind ausschlaggebend: Wer sich eine Erkältung eingefangen hat oder unter Stress leidet, empfindet laute Klänge schmerzhafter als sonst. Und nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, einen Hörschaden zu erleiden, hängt von diesen Einflüssen ab.
Also suchten sich die AUDIO-Redakteure einen der entspannteren Tage des Monat aus, um die schützenden In-Ears in Ruhe testen zu können. Als Musik diente alles von Jazz bis Speed-Metal – und das bei Lautstärken von weit über 100dB. Bei den "Testgeräten" fiel die Auswahl stichprobenartig auf fünf Exemplare unter 50 Euro. Wichtiges Kriterium: Die Plugs sollten so ziemlich überall problemlos zu kaufen sein – etwa im gut sortierten Musikladen oder in gängigen Internetshops.
In der Galerie sehen Sie die fünf getesteten Ohrstöpsel.
Der Clou beim Alpine sind die austauschbaren Filter. Gleich drei Paare stehen zur Auswahl, die für eine unterschiedlich starke Dämpfung sorgen und sich auch verschieden auf den Klang auswirken. Der weiße Filter senkte den Pegel auf eine erträgliche Lautstärke und konzentrierte sich dabei auf die Mitten, die er stärker abschwächte als die Höhen oder den Bass (der übrigens schön satt tönte). Das führte aber auch zu einer schlechteren Verständlichkeit des Gesangs.
Der goldene Filter ("High Protection") dämpfte die Lautstärke ausgesprochen stark (in dieser Hinsicht wurde er von keinem anderen Schutz im Testfeld übertroffen). Seine Wirkung betraf interessanterweise mehr den Hochton und den Bassbereich – die Mitten dominierten nämlich das Klangbild. Abhilfe brachte der mittlere Filter im Bunde (der graue): Er sorgte für den ausgewogensten Klang und senkte die Lautstärke über das gesamte Frequenzspektrum gleichmäßig ab. Lobenswert: der Tragekomfort. Nach kürzester Zeit spürte man den Silikon- Stöpsel gar nicht mehr im Ohr. Als Zubehör liefert Alpine noch einen Ersatzplug und eine Aufbewahrungsbox.
Der französische Hersteller Earsonics konzentriert sich bei der tonalen Abstimmung seines "EarPad" eher auf die schädlichsten Frequenzen: die Mitten und natürlich auch die Höhen. Eine Senke im Bereich zwischen 6-8kHz sorgte für einen eher wärmeren Ton, was Stimmen und Gitarrenriffs im Bandkontext etwas untergehen ließ. Der EarSonics erreichte eine gute Pegelsenkung und gefiel mit ausgesprochen hohem Tragekomfort. Eine Transportbox und ein Trageband runden den Lieferumfang ab.
Ein Pionier im Markt der hochwertigen In-Ear-Kopfhörer ist der Hersteller Etymotic. Ein weiteres Spezialgebiet der US-Firma ist der passive Gehörschutz. Ein Produkt dieser Forschung ist der ER-20, der in gleich zwei Größen erhältlich ist: normal und small – für Menschen mit einem engeren Gehörgang. Die Philosophie des Herstellers ist nämlich klar: Für eine maximale Wirkung muss der Gehörgang so gut wie möglich verschlossen sein. Allerdings muss man beim Einsetzen etwas vorsichtig sein: Die Keilform der Silikonplugs verleitet dazu, den Schutz zu tief in das Ohr zu schieben. Auch das Transporttäschchen aus Silikon ist nicht wirklich praxistauglich – die ER-20 mit einem Handgriff heraus oder gar hinein zu legen, ist eine echte Herausforderung. Im Hörtest überzeugte der Etymotic mit einer ordentlichen Minderung des Pegels und einem extrem neutralen Klang. Besonders der Detailreichtum, der dank des natürlichen Hochtons erhalten blieb, imponierte dem AUDIO-Team.
Der mit Abstand hübscheste Gehörschutz im Testfeld kommt aus dem Hause V-Moda. Das Auge hört schließlich mit, deshalb sind die "Faders" auch in drei knalligen Farben erhältlich (rot, pink und schwarz-metallic). Der kalifornische Hersteller liefert gleich vier verschiedene Silikon-Aufsätze mit, um eine optimale Anpassung des Stöpsels an den Gehörgang zu erreichen. Eine praktische (auf Wunsch abnehmbare) Stoffkordel am Ende der Faders hilft, die kleinen Teile nicht so schnell zu verlieren. Denn die Aufbewahrungsbox ist so winzig, dass man schon aufpassen muss, sie nicht zu verschlucken. Was die V-Modas klanglich ablieferten, war dafür vom Feinsten.
Sehr ausgewogen im gesamten Frequenzspektrum, blieb der Bass schön satt und besaß ordentlich Wumms. Auch die Mitten und die Höhen tönten frisch und saftig. Letzteres führte zu einer sehr guten Wahrnehmung der Details eines Songs – von muffigem Klang wie man ihn von Schaumstoffkonsorten kennt, also überhaupt keine Spur. Die Pegelsenkung hielt sich zwar in Grenzen, schützt aber effektiv vor gefährlichen Pegelspitzen.
Nummer 5 im Bunde, der Gehörschutz von Hearsafe, präsentierte sich wieder im schlichteren Gewand als sein Kollege von V-Moda. Wie schon beim Etymotic handelt es sich um ein Modell mit drei Lamellen; die Form erinnert erneut an einen Konus. Der Filter ist fest verbaut und nicht wie beim Alpine austauschbar. HiFiisten mit kleinerem Gehörgang greifen am besten gleich zur "Small"-Ausführung, falls das normale Modell zu groß sein sollte. Richtig ins Ohr gedrückt (aber bitte nicht zu tief, denn der HR-ER-20 ist recht lang), vermag der Hearsafe den Pegel so effektiv zu senken, dass man selbst längere Konzerte schadlos genießen kann. Tonal wahrte er ein sehr ausgewogenes Klangbild, das keine großen Verfärbungen aufwies. Selbst die sonst gefährlichen Höhen und Mitten blieben in der Relation zum satten Bass erhalten – nur eben alles deutlich leiser als vorher.
Eine gute Anschaffung ist der HR-ER-20 insbesondere als "Hearsafety Kombipaket". Für faire fünf Euro Aufpreis gibt es ein handliches Pegelmessgerät als Zugabe, das über drei LEDs (grün, gelb und rot) die aktuelle Lautstärke anzeigt – so sieht man stets, wie laut es gerade zugeht. Darauf verlassen sollte man sich aber definitiv NICHT – ausschlaggebend sind nach wie vor die eigenen Ohren und das eigene Lautstärke-Empfinden.
Fazit
Angesichts der Preise der hier getesteten Geräte und ihrer gesundheitsschützenden Wirkung sind 20 bis 30 Euro für einen Gehörschutz eine unbedingt sinnvolle Investition (zumal, wenn man bedenkt, was manch einer für HiFi-Zubehör ausgibt). Alle Messungen wurden übrigens mit Hilfe eines speziellen Kunstkopf-Mikrofons durchgeführt.
Doch aus den eingangs genannten Gründen (Alter, Empfinden, Gesundheitszustand des Hörers) sagt der Frequenzgang rein gar nichts über den tatsächlichen "Klang" dieser kleinen Helferlein aus. Will man diesen nämlich einschätzen, hilft nur der Test in einer realen Live-Hörsituation. Gute Nachricht: Kein einziger der hier getesteten Stöpsel ist wirklich schlecht: Sie senken den Pegel und bleiben dabei – mal mehr, mal weniger – tonal erstaunlich ausgewogen. Für welchen man sich entscheidet, bleibt also Geschmackssache.