Vergleichstest Drei Röhren-Vollverstärker im Test
© J. Bauer, MPS, Archiv
Ab und zu wird ein Tester auch mal nach seinem Wohlbefinden befragt – und danach, welche Elektronik sich bei ihm zu Hause befindet. Isophon Europa plus AVM-Monoblöcke plus passive Eigenbau-Vorstufe, kommt pflichtbewusst die Antwort. Plus diverse Quellen. Was nur die besten Freunde wissen dürfen: Ab und zu wird auch in der gemütlichen, küchennahen Sitzecke mit Hilfe eines Vincent-Players mit Röhrenausgangsstufe, zweier Autoradiotest-bewährter, mega-eingespielter Canton- Speaker sowie selbst zugeschnitzter Teflonkabel (RG 142 und RG 225) gehört. Das Zentrum dieser Zweitanlage bildet ein uralter, im Testlabor abgelagerter, längst nicht mehr gebauter Röhrenverstärker von McGee.
Wohl nicht daneben gegriffen: Denn an diesem Ort brauchen wir – genauso wie an anderen lauschigen Plätzchen – keine unendliche Weite und keinen Druck, der die Tischplatte verbiegt. Wir wünschen uns vielmehr eine Art Musik-Öfchen, in dem sich eine schöne Klangfarbe, Duft und Aroma voll entfalten können.
Audreal MT 1
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Überragend
- +angenehm unprätentiöser und sehr ausgeglichener EL-84-typischer Röhrenklang
- -eingeschränkte Boxenwahl
- -Pegelgrenzen
Halt – schon zu viel gesagt! Im Grunde müssen sie nicht fließen, sie verkünden dem Steuergitter, quasi leistungslos, nur ihre Anwesenheit. Wonach die Röhre – von der glühenden emittierenden Kathode durch das Gitter hindurch und dann zum Anoden-Auffangblech hin – tatsächlich dezidierte Ladungen durch das Vakuum verschiebt. Und zwar mit einer weit und sanft geschwungenen Arbeitskennlinie, von der ein Einzel- Transistor nur träumen kann. Ergo: genau das richtige zum Relaxen! Und von der weiteren Signal-Progression ganz abgesehen, genügt es, die drei kleineren glimmenden Fläschen (ECC 83) und die etwas größeren (4 x EL84) zu betrachten: Schon bevor überhaupt die Musik ertönt, ist so bereits eine adäquate Stimmung hergestellt.
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Was nicht heisst, dass der MT 1 sich nicht auch gern einer nüchternen technischen Überprüfung unterzieht. Keine Frage, die fingerdicke Alu-Frontplatte, die Vollmetall-Knöpfe und das Stahlblech-Chassis halten nicht nur Kritik, sondern auch jeden Putzwedel aus. Die einzeln mit der Rückseite verschraubten Cinchbuchsen und die deutschen Vorbildern nachempfundenen Boxenklemmen stammen auch nicht von schlechten Eltern. Der gewichtige Ringkern-Netztrafo, der ebenso wie die beiden Ausgangsübertrager unter einem schmucken Schutzhelm steckt, sieht ebenfalls nicht nach 640 Euro aus. Seine insgesamt sechs Sekundärwicklungen halten nicht nur für die diversen positiven Versorgungsspannungen her, sondern auch für eine negative. Und damit im Vergleich zu den im folgenden beschriebenen Mitbewerbern für einen unter Umständen entscheidenden Vorteil. Während die Verstärker von Cayin und Dynavox den Bias für die Endstufenröhren automatisch erzeugen, findet der HiFi-Enthusiast mit Multimeter bei dem Audreal vier kleine Justagepotentiometer vor.
Mit ihrer Hilfe vermag er jeder einzelnen EL 84 diese oder jene negative Gittervorspannung und damit einen bestimmten Ruhestrom vorzuschreiben. Der Kenner findet zu alledem noch einen Trimmer, der einen Feinabgleich der Korrektur-Gegenkopplung auf diese oder jene Boxen erlaubt.
Cayin MT 12 N
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
- +quicklebendiger, im Vergleich zu den EL-84-Kollegen etwas hellerer Spring-ins-Feld-Klang
- -sehr eingeschränkte Boxenwahl
- -Pegellimits
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Zumal alle drei Verstärker ordentliche Phasensplitterstufen besitzen. Mit je einer Triode geben sie das Original sowie ein um 180 Grad versetztes Musiksignal aus, mit denen sie die Endstufen höchst probat ansteuern können. Das schöne Spiel unterstreicht der Cayin nicht nur mit Stahlmantel und Trafohauben. Chrom, Edelholz und Goldknöpfe verleihen dem MT 12 N so viel gutbürgerlichen Glanz, dass er gern auch auf einem Spitzdeckchen Platz nehmen kann.
Dynavox VR 3000
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
- +im Vergleich zu den Röhren-Kollegen etwas mehr Raum- und Rhythmus-Betonung
- -eingeschränkte Boxenwahl
- -Pegelgrenzen
Hörtest
Musste sich der Dynavox ebenso wie die beiden anderen Röhrenamps mit CDs und dem Arbeits-Spieler CX 7e von Ayre begnügen, erwies sich allerdings bald, dass dieser Hörtest kein Zuckerschlecken wird. Oder aber erst recht, denn die durchweg äußerst professionell und letztlich doch sehr ähnlich aufgebauten Röhrenverstärker klangen alle drei gleichermaßen wunderschön. Egal ob es sich um die Lippen einer zierlichen Vienna Teng oder einer stattlicheren Cassandra Wilson handelte: Jeder Hörer blieb widerspruchslos daran kleben. Tja, bei so viel Stimmsüße schauten die Transistor-Amps dieser Preisklasse ziemlich bedröppelt aus dem Referenzen-Regal. Und als die Begleitgitarristen dazu selig-hautwarm und sensibel-fingernagelig an den Saiten zupften, holte sie ihre harte, bittere Realität sogar noch weiter ein.
Nach dem Wechsel von sehr wirkungsgradstarken Boxen wie der Zu Audio oder der Dynavox Impuls III auf die deutlich schwieriger zu versorgende Sonics Allegra keimte bei der Halbleiterei jedoch Hoffnung auf. Immer noch schön, immer noch schnuckelig – und doch erschien die Wiedergabe jetzt etwas langsamer, ein wenig zäher und eingeschränkter im Raum. Mit einigen Bass-Kantenschlägen durfte Marcus Miller zeigen, dass so ein Transistor-Bolzen auch seine Daseinsberechtigung hat, aber deswegen den friedlicheren Röhren trotzdem nicht im Wege steht. Ganz besonders zahm und anschmiegsam benahm sich der Audreal – um auf die gar nicht so leicht fassbaren Unterschiede unter den Testkandiaten zu kommen. Fülle und Glaubwürdigkeit von Stimmen schienen ihm besonders wichtig, er betonte mehr das Volumen und den Nachhall einer Trommel als den direkten Schlegel-Kick darauf.
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Fazit
Alles nett, alles prima, aber bitte beachten: Diese Verstärker eignen sich – wie angedacht – für ein Hören im Nahfeld mit nicht zu kritischen Boxen. Für höhere Pegel bieten die Hersteller Verstärker mit der kräftigeren EL 34 an. Zur Entscheidung für den einen oder anderen kleinen Amp führen handfeste Gründe: iPod-User nehmen den Dynavox, Technik-Freaks den Audreal mit Justage-Bias. Für den Cayin spricht sein frisches Gemüt. Das Vorserienmodell kommt aber nur mit 8-Ohm-Boxen wirklich klar, bei niederohmigeren gab der MT 12 N dann doch zu wenig Leistung ab.