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Vergleichstest Drei Röhren-Vollverstärker im Test

Nach der Vollendung seiner Haupt-HiFi-Anlage darf der High-Ender an einen Nebenhörplatz mit einem dieser kleinen Röhren-Amps denken – und unter Umständen einen ganz neuen Musikgeschmack entwickeln.

Röhren-Vollverstärker
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© J. Bauer, MPS, Archiv

Ab und zu wird ein Tester auch mal nach seinem Wohlbefinden befragt – und danach, welche Elektronik sich bei ihm zu Hause befindet. Isophon Europa plus AVM-Monoblöcke plus passive Eigenbau-Vorstufe, kommt pflichtbewusst die Antwort. Plus diverse Quellen. Was nur die besten Freunde wissen dürfen: Ab und zu wird auch in der gemütlichen, küchennahen Sitzecke mit Hilfe eines Vincent-Players mit Röhrenausgangsstufe, zweier Autoradiotest-bewährter, mega-eingespielter Canton- Speaker sowie selbst zugeschnitzter Teflonkabel (RG 142 und RG 225) gehört. Das Zentrum dieser Zweitanlage bildet ein uralter, im Testlabor abgelagerter, längst nicht mehr gebauter Röhrenverstärker von McGee.

Wohl nicht daneben gegriffen: Denn an diesem Ort brauchen wir – genauso wie an anderen lauschigen Plätzchen – keine unendliche Weite und keinen Druck, der die Tischplatte verbiegt. Wir wünschen uns vielmehr eine Art Musik-Öfchen, in dem sich eine schöne Klangfarbe, Duft und Aroma voll entfalten können. 

Audreal MT 1
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Audreal MT 1, 640 Euro.

Audreal MT 1

Audreal MT 1
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Überragend
  • +angenehm unprätentiöser und sehr ausgeglichener EL-84-typischer Röhrenklang
  • -eingeschränkte Boxenwahl
  • -Pegelgrenzen

Für genau diesen Job erscheint aktuell der zum Freundschaftspreis von 640 Euro erhältliche MT 1 von Audreal wie geschaffen. Um die unvermeidlichen Mühlen Eingangs- und Lautstärkewahl kommen unsere kostbaren Signale natürlich auch hier nicht herum. Statt der bei Halbleiterkollegen üblichen IC-Switch-Labyrinthe mutet der Audral den Musikschwingungen aber nur die wahrlich handfesten Kupferkontakte eines Drehschalters sowie eine Schleiferbahn-Pirouette durch ein stattliches Alps-Potentiometer zu. Und folgt sonst ein hungriger Transistor-Taubenschlag, fließen die Elektronen in dem MT 1 – pro Kanal – einer einzigen Dreipolröhre zu. 

Halt – schon zu viel gesagt! Im Grunde müssen sie nicht fließen, sie verkünden dem Steuergitter, quasi leistungslos, nur ihre Anwesenheit. Wonach die Röhre – von der glühenden emittierenden Kathode durch das Gitter hindurch und dann zum Anoden-Auffangblech hin – tatsächlich dezidierte Ladungen durch das Vakuum verschiebt. Und zwar mit einer weit und sanft geschwungenen Arbeitskennlinie, von der ein Einzel- Transistor nur träumen kann. Ergo: genau das richtige zum Relaxen! Und von der weiteren Signal-Progression ganz abgesehen, genügt es, die drei kleineren glimmenden Fläschen (ECC 83) und die etwas größeren (4 x EL84) zu betrachten: Schon bevor überhaupt die Musik ertönt, ist so bereits eine adäquate Stimmung hergestellt. 

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Was nicht heisst, dass der MT 1 sich nicht auch gern einer nüchternen technischen Überprüfung unterzieht. Keine Frage, die fingerdicke Alu-Frontplatte, die Vollmetall-Knöpfe und das Stahlblech-Chassis halten nicht nur Kritik, sondern auch jeden Putzwedel aus. Die einzeln mit der Rückseite verschraubten Cinchbuchsen und die deutschen Vorbildern nachempfundenen Boxenklemmen stammen auch nicht von schlechten Eltern. Der gewichtige Ringkern-Netztrafo, der ebenso wie die beiden Ausgangsübertrager unter einem schmucken Schutzhelm steckt, sieht ebenfalls nicht nach 640 Euro aus. Seine insgesamt sechs Sekundärwicklungen halten nicht nur für die diversen positiven Versorgungsspannungen her, sondern auch für eine negative. Und damit im Vergleich zu den im folgenden beschriebenen Mitbewerbern für einen unter Umständen entscheidenden Vorteil. Während die Verstärker von Cayin und Dynavox den Bias für die Endstufenröhren automatisch erzeugen, findet der HiFi-Enthusiast mit Multimeter bei dem Audreal vier kleine Justagepotentiometer vor. 

Mit ihrer Hilfe vermag er jeder einzelnen EL 84 diese oder jene negative Gittervorspannung und damit einen bestimmten Ruhestrom vorzuschreiben. Der Kenner findet zu alledem noch einen Trimmer, der einen Feinabgleich der Korrektur-Gegenkopplung auf diese oder jene Boxen erlaubt. 

Cayin MT 12 N
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Cayin MT 12 N, 650 Euro.

Cayin MT 12 N

Cayin MT 12 N
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
  • +quicklebendiger, im Vergleich zu den EL-84-Kollegen etwas hellerer Spring-ins-Feld-Klang
  • -sehr eingeschränkte Boxenwahl
  • -Pegellimits

Mit solcher Tuningfinesse kann der Cayin MT 12 N für 650 Euro nicht dienen. Muss er auch nicht, denn damals in den 50er-Jahren wurden die schlanken Endröhren des Typs EL 84 (die Sockelschaltungs-Variante 6P1 des Cayin macht da keinen Unterschied) nicht etwa für proppere kompakte Vollverstärker wie die unseren, sondern für Radioapparate entwickelt. Und darin versahen sie ihren Dienst nicht etwa wie jetzt per Arbeitsaufteilung zwischen einer Plus- und Minus-Spezialistin im Gegentakt, sondern mutterseelenallein – was ganz besondere Mühe beim Strecken und Bügeln der Kennlinie bedeutete, damit die Röhre auch ohne abundanten Class-A-Ruhestrom vernünftig funktionieren kann. Und im Falle des MT 12 N, dass sich die insgesamt vier Push-Pull-6P1 sowieso schon im siebten Himmel wähnen. Mit großer Sicherheit sehen sie auch die Bias-Einstellung über Fußpunkt-Widerstände (diese legen die Kathoden auf ein positives Ausgangspotential, wonach die Steuergitter das gewünschte negative sehen) als absolut ausreichend an. 

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Zumal alle drei Verstärker ordentliche Phasensplitterstufen besitzen. Mit je einer Triode geben sie das Original sowie ein um 180 Grad versetztes Musiksignal aus, mit denen sie die Endstufen höchst probat ansteuern können. Das schöne Spiel unterstreicht der Cayin nicht nur mit Stahlmantel und Trafohauben. Chrom, Edelholz und Goldknöpfe verleihen dem MT 12 N so viel gutbürgerlichen Glanz, dass er gern auch auf einem Spitzdeckchen Platz nehmen kann.

Dynavox VR 3000
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Dynavox VR 3000, 750 Euro, bei Amazon kaufen

Dynavox VR 3000

Dynavox VR 3000
Klangurteil: 90 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
  • +im Vergleich zu den Röhren-Kollegen etwas mehr Raum- und Rhythmus-Betonung
  • -eingeschränkte Boxenwahl
  • -Pegelgrenzen

Dagegen würde sich der VR 3000 ganz entschieden wehren. Mit dem kompakten 750-Euro-Verstärker im handschmeichlerisch-schönen Alu-Gussgehäuse katapultiert Dynavox die Gegentaktler EL 84 und die drei ECC-Vorarbeiterinnen mutig in die Neuzeit. Oder doch nicht ganz mutig, denn angesichts der unter Umständen jungen und Röhren-unerfahrenen Kundschaft erschien dem deutschen Vertrieb der Verstärker in der Urform als zu heiß. Das Problem muss jetzt ein hinten am Trafogehäuse eingebauter Ventilator richten. Dynavox nahm den leisesten der leisen von der Schwarzwälder Firma Papst – was aber nicht ausschließt, dass der sensible Hörer den unvermeidlichen Luftzug ab und zu wahrnehmen kann; und andererseits garantiert, dass ein in unmittelbarer Nähe platziertes iPod keine glühenden Füße bekommt. So bringt der coole VR 3000 glücklich und stolz ein via Klinke anzuschließendes Dock und einen Ferngeber für die – inklusive Laut/Leise – wichtigsten Bedienschritte des heutzutage scheinbar unverzichtbaren Mobilgeräts mit.

Hörtest

Musste sich der Dynavox ebenso wie die beiden anderen Röhrenamps mit CDs und dem Arbeits-Spieler CX 7e von Ayre begnügen, erwies sich allerdings bald, dass dieser Hörtest kein Zuckerschlecken wird. Oder aber erst recht, denn die durchweg äußerst professionell und letztlich doch sehr ähnlich aufgebauten Röhrenverstärker klangen alle drei gleichermaßen wunderschön. Egal ob es sich um die Lippen einer zierlichen Vienna Teng oder einer stattlicheren Cassandra Wilson handelte: Jeder Hörer blieb widerspruchslos daran kleben. Tja, bei so viel Stimmsüße schauten die Transistor-Amps dieser Preisklasse ziemlich bedröppelt aus dem Referenzen-Regal. Und als die Begleitgitarristen dazu selig-hautwarm und sensibel-fingernagelig an den Saiten zupften, holte sie ihre harte, bittere Realität sogar noch weiter ein.

Nach dem Wechsel von sehr wirkungsgradstarken Boxen wie der Zu Audio oder der Dynavox Impuls III auf die deutlich schwieriger zu versorgende Sonics Allegra keimte bei der Halbleiterei jedoch Hoffnung auf. Immer noch schön, immer noch schnuckelig – und doch erschien die Wiedergabe jetzt etwas langsamer, ein wenig zäher und eingeschränkter im Raum. Mit einigen Bass-Kantenschlägen durfte Marcus Miller zeigen, dass so ein Transistor-Bolzen auch seine Daseinsberechtigung hat, aber deswegen den friedlicheren Röhren trotzdem nicht im Wege steht. Ganz besonders zahm und anschmiegsam benahm sich der Audreal – um auf die gar nicht so leicht fassbaren Unterschiede unter den Testkandiaten zu kommen. Fülle und Glaubwürdigkeit von Stimmen schienen ihm besonders wichtig, er betonte mehr das Volumen und den Nachhall einer Trommel als den direkten Schlegel-Kick darauf.

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Der Cayin MT 12 N sah die Dinge ein wenig anders. Er liebte – es verbietet sich jedoch, an das Wort Schärfe zu denken – das Schnelle und Helle, das leuchtend Perlende oben raus. Bässe strickte er hurtig drauf los, blieb jedoch dann und wann mal 100 Gramm Substanz schuldig. Der VR 3000 zeigte schließlich bei fast stoischer Ausgeglichenheit, dass er mit beachtlich akkurater Abbildung Instrumente prima in die Tiefe zu staffeln vermag. Für alle drei gab es Für und Wider – aber eigentlich viel mehr „Fürs“, so dass für den Zweithörplatz zum Relaxen jeder dieser drei Röhrenwichte auf der Stelle gekauft werden kann. 

Fazit

Alles nett, alles prima, aber bitte beachten: Diese Verstärker eignen sich – wie angedacht – für ein Hören im Nahfeld mit nicht zu kritischen Boxen. Für höhere Pegel bieten die Hersteller Verstärker mit der kräftigeren EL 34 an. Zur Entscheidung für den einen oder anderen kleinen Amp führen handfeste Gründe: iPod-User nehmen den Dynavox, Technik-Freaks den Audreal mit Justage-Bias. Für den Cayin spricht sein frisches Gemüt. Das Vorserienmodell kommt aber nur mit 8-Ohm-Boxen wirklich klar, bei niederohmigeren gab der MT 12 N dann doch zu wenig Leistung ab.

 
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