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Vergleichstest 6 Musik-Streamingdienste im Test

Spotify, Simfy & Co. liefern Millionen von Songs – aber keine Qualität, die man gerne hören möchte. So lautet jedenfalls bisher die Meinung vieler HiFi-Fans über Musik aus dem Internet. Doch das Urteil muss revidiert werden, wie dieser Test zeigt: Streaming-Dienste sind besser als ihr Ruf – zumindest einige.
Musik-Streamingdienste © Hersteller/Archiv

Die Auswahl an Streaming-Diensten wächst unaufhaltsam. Seit der IT-Branchenverband Bitkom Ende 2011 einen Rahmenvertrag mit der GEMA geschlossen hat, sind allein in Deutschland drei neue Anbieter hinzugekommen: Deezer, Rdio und Spotify. Wie Napster oder Simfy bieten sie Songs zum Abruf über das Internet an. Aber nicht als Download, sondern als flüchtigen Audiostream. So bleibt keine Datei auf dem Abspielgerät, die einfach dupliziert und an Freunde weitergegeben werden könnte. Das gefällt den Plattenfirmen, die seit Jahren versuchen, Raubkopierern das Handwerk zu legen.

Doch gefällt dieses Konzept auch anspruchsvollen HiFi-Hörern? Schließlich haben sie beim Internet-Streaming – anders als mit gerippten CDs oder Musik- Downloads im heimischen Netzwerk – keinerlei Einfluss auf die Qualität. Können riesige Song-Archive in der "Cloud", wie es Neudeutsch heißt, am Ende gar die eigene Plattensammlung ersetzen? AUDIO wollte es genau wissen und hat die sechs wichtigsten Anbieter einem ausführlichen Test unterzogen.

Juke

Juke

Juke hat mit die beste Suchfunktion im Test: Schon während der Eingabe im Browser tauchen die Ergebnisse nach Titel, Album und Künstler sortiert im Ergebnisfeld auf. Die Trefferquote ist selbst bei Klassik-Aufnahmen sehr hoch. Im Test klang der Dienst jedoch schlechter als die Konkurrenten – und ist mit 9,99 Euro am PC vergleichsweise teuer.

Riesige Musik-Kataloge

Alle sechs Dienste werben mit 15 Millionen Songs oder mehr. Trotzdem fehlen bestimmte Künstler: Bands wie AC/DC, The Beatles, Die Toten Hosen oder Metallica geben ihre Originalalben grundsätzlich nicht zum Streaming frei. Auch den Bestseller "21" von Adele sucht man derzeit vergebens.

Das Abspielprogramm von Spotify setzt Maßstäbe, wenn es um das Entdecken neuer Musik geht. © Hersteller/Archiv
Das Abspielprogramm von Spotify setzt Maßstäbe, wenn es um das Entdecken neuer Musik geht.

Bei den Tarifen herrscht ähnliche Übereinstimmung: Außer bei Juke gibt es überall zwei Bezahlpakete: ein kleines für rund 5 Euro im Monat, das Musik hören nur am PC erlaubt – und ein Premium-Abo für etwa 10 Euro, mit dem sich der Stream auch auf anderen Geräten empfangen lässt. Einen dauerhaft kostenlosen Zugang bietet nur Spotify. Er gewährt wie die beiden Bezahlvarianten Zugriff auf jeden beliebigen Titel im Katalog. Dafür muss der Hörer allerdings Werbebanner und Radiospots in Kauf nehmen. Auch der deutsche Konkurrent Simfy ist ursprünglich so gestartet, hat seinen werbefinanzierten Free-Account inzwischen aber auf zwei Monate begrenzt und ziemlich gut auf der Webseite versteckt.

Werbefinanziert: Nur Simfy und Spotify bieten einen Gratiszugang an. Bei Simfy endet er nach zwei Monaten. © Hersteller/Archiv
Werbefinanziert: Nur Simfy und Spotify bieten einen Gratiszugang an. Bei Simfy endet er nach zwei Monaten.

Gerrit Schumann, CEO von Simfy, begründet die Entscheidung gegenüber AUDIO mit mangelnder Rentabilität: "Die Werbeeinnahmen spielen unsere Kosten nicht wieder herein". Das liegt auch daran, dass es keine Pauschalvereinbarung für werbefinanzierte On-Demand-Dienste gibt. Der Bitkom-Vertrag regelt nur die Urheberrechtsabgabe für zahlende Abonnenten – rund einen Euro pro Kunde und Monat. Gratisangebote werden per Stream abgerechnet, was schon länger für Kontroversen zwischen dem Videoportal YouTube und der GEMA sorgt. Zusammen mit den Abgaben an die Plattenfirmen bezahlen Streaming-Anbieter etwa einen Cent pro Musikabruf. Spotifys Gratiszugang ist also eher kostspielige Werbemaßnahme als ein lukratives Geschäftsmodell.

Streaming auf HiFi-Geräte

Wer Musik nicht nur am PC hören will, braucht ohnehin ein Premium-Abo. Erst dann lässt sich das persönliche Streaming- Konto auf geeigneten HiFi-Geräten freischalten. Spotify ist dabei auf bestem Weg, den ehemaligen Platzhirsch Napster als Liebling der Hersteller abzulösen. Dieser wurde jüngst vom Konkurrenten Rhapsody übernommen und hat kürzlich auch in Deutschland seine Technologie umgestellt: mit dem Ergebnis, dass er auf vielen Geräten nicht mehr läuft.

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Onkyo hat sich entschieden, ganz auf Napster zu verzichten. "Wir sehen bei Spotify das größere Potential", so Peter Kafi tz, Executive Director Marketing & Sales bei Onkyo, zu AUDIO. Yamaha arbeitet an einem Software-Update und will Napster ab August 2012 in seinen AV-Receivern wieder anbieten. Los geht es mit der 73er-Serie (vom RX-V673 an aufwärts), die älteren Baureihen 67 und 71 sollen später im Jahr folgen.

Praxis: Musik streamen mit Apple AirPlay

Anderen Herstellern wie Denon sind die Hände gebunden, weil ihre Airplay-zertifizierten Netzwerk-Chips nicht genügend Speicher bieten, um ein Napster-Update einzuspielen. Nur eine neue Gerätegeneration kann hier Abhilfe schaffen. Welche Dienste die kommenden Modellreihen unterstützen werden, wollen oder dürfen die Hersteller noch nicht sagen. Nach Aussage von Branchenkennern steht Spotify bei vielen Firmen jedoch weit oben auf der Liste.

Offline-Betrieb: Im Programm gespeicherte Playlisten spielen auch ohne Internetverbindung. © Hersteller/Archiv
Offline-Betrieb: Im Programm gespeicherte Playlisten spielen auch ohne Internetverbindung.

Mit einem Netzwerkplayer, der Squeezebox Touch oder einem Sonos Connect lässt sich die Streaming-Musik übrigens gut nachrüsten. Theoretisch genügt auch ein Smartphone mit passender App des Anbieters, das in ein Dock gesteckt wird.

Außer der Simfy-App unterstützen alle Smartphone-Programme sogar Airplay, um Musik vom iPhone oder iPad auf geeignete Empfänger im Netzwerk zu übertragen. Allerdings kann diese Methode Klangeinbußen bringen, weil manche Anbieter auf Mobiltelefone einen Stream mit reduzierter Bitrate schicken – um Tonaussetzern vorzubeugen und den Datentarif des Nutzers zu schonen.

Datenraten beim Streaming

Überhaupt reden einige Anbieter nur ungern über ihre Daten. Deezer in Frankreich war für AUDIO gar nicht zu sprechen, Rdio in San Francisco konnte sich nach tagelangem Hin und Her zu keinen detaillierten Angaben durchringen. Die maximale Datenrate betrage 320 Kilobit pro Sekunde, die tatsächliche Qualität hänge vom Material der Content-Partner, sprich der Plattenlabels, ab.

Juke variiert nach eigenen Aussagen zwischen 48 und 192 kBit/s, abhängig vom Endgerät und der Verbindungsgeschwindigkeit. Der Dolby-Pulse-Codec soll dabei auch mit kleinen Datenraten gut klingen. Ganz ähnlich verfährt Napster mit AAC. Simfy nutzt das ältere und weniger effektive MP3-Format, setzt aber durchweg auf hohe Bitraten: 98 Prozent des Katalogs stehen laut Pressesprecher Marcus von Husen mit mindestens 192 Kilobit zur Verfügung, ein großer Teil davon mit 320 kBit/s. Spotify überlässt Premium-Nutzern die Kontrolle: Im Player-Programm können sie wählen, ob die Musik mit 160 kBit/s oder 320 kBit/s ("Hohe Qualität") gestreamt werden soll. Die Smartphone-App bietet zudem mobilfunkfreundliche 96 Kilobit an – alles im exotischen Ogg-Vorbis-Format.

iPad-App: Spotify und Rdio setzen ihr Musikprogramm auf dem Apple-Tablet mit hochauflösenden Platten-Covern elegant in Szene. © Hersteller/Archiv
iPad-App: Spotify und Rdio setzen ihr Musikprogramm auf dem Apple-Tablet mit hochauflösenden Platten-Covern elegant in Szene.

Die Angaben sind nicht direkt vergleichbar, weil verschiedene Codecs bei gleicher Datenrate unterschiedlich gut klingen können. Deshalb sorgte AUDIO im Hörtest für optimale Voraussetzungen: Alle Dienste spielten ihr Programm über denselben Computer und einen USB-Converter von Leema (Elements Precision DAC, 1500 Euro) auf die Referenzanlage. Zusätzlich lieferte ein per Netzwerkkabel am Internet-Router hängender Sonos Connect (349 Euro) das Signal der fünf auf Sonos verfügbaren Dienste zum Vergleich. Ziel des doppelten Aufbaus: Klangunterschiede herauszuhören, die auf beiden Übertragungswegen durch unterschiedliche Datenraten zustande kommen.

Überraschung im Hörtest

Unterschiede gab es in der Tat. Nur anders als erwartet: Schon nach wenigen Tracks teilte sich das Testfeld in zwei Lager – im einen Juke, im anderen der Rest der Dienste. Obwohl Juke laut Anbieter "auf Geräte im Heimnetzwerk" mit 192 kBit/s streamt, war der Dienst stets herauszuhören. Die Musik klang vordergründiger, die Stimme von Lambchop-Sänger Kurt Wagner auf dem Album "Mr. M" weniger akzentuiert. In Gesangspausen schien der Raumeindruck kurzzeitig zu kollabieren, so als hätte ihn der Dolby-Codec einfach "wegkomprimiert".

Kaufberatung: Netzwerk-Player im Test

Eine Messung der angelieferten Datenmengen legt den Verdacht nahe, dass Juke keineswegs die versprochene Bitrate erreicht: Während das Tool Rubbernet am Mac für den Lambchop-Song "Mr. Met" bei der Konkurrenz zwischen 10 und 18 Megabyte ermittelte, tröpfelten im Fall von Juke nur 2,7 MB durch die Leitung. Den fast zehnminütigen Walzer "An der schönen blauen Donau" (Neujahrskonzert 2012, Mariss Jansons), in der Spotify-Version rund 21 MB groß, presste Juke auf 3,8 MB zusammen.

© Hersteller/Archiv

Die übrigen Streaming-Dienste lagen klanglich eng beieinander. Mal schien Napster etwas schlanker und konturierter im Bass, dann modellierte Simfy das Klavierspiel von Anna Vinnitskaya ("Ravel") feiner heraus. Tendenziell spielte Spotify stets vorne mit, aber die Unterschiede reichten nicht für eine Rangfolge. Alle fünf klangen auf einem Niveau, das ungeschulte Hörer als CD-Qualität bezeichnen würden – und das so hoch ist, wie es aktuelle Codecs mit 192 bis 320 kBit/s nun mal erlauben.

Die Entscheidung für oder gegen einen Dienst sollte also von anderen Faktoren abhängen. Etwa davon, ob man sich ein Facebook-Konto zulegen möchte – die Voraussetzung für Deezer. Spotify hat den Facebook-Zwang nach einiger Kritik von Datenschützern vor kurzem erst abgeschafft. Oder ob spezielle Klassik gewünscht ist: Mainstream-Aufnahmen aus den Verkaufscharts von Media Control sind überall recht gut zu finden – von den sechs diesjährigen Klassik-CDs des Monats aus AUDIO hatte zum Testzeitpunkt aber nur Spotify einen Großteil im Angebot (fünf Stück), gefolgt von Juke und Rdio (4) sowie Simfy (3). Deezer und Napster fanden jeweils nur ein Album.

Das wichtigste Argument für einen Streaming-Dienst ist aber der schnelle und einfache Zugriff auf ein riesiges Musikarchiv. Und hier gibt es gewaltige Unterschiede. Mehr dazu sehen Sie in der Bildergalerie oben.

 
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