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Testbericht Test: Vollverstärker Resolution Audio Cantata 50

Dieser Vollverstärker wird nicht wirklich heiß. Aber dem ­Betrachter wird warm, sehr warm: Sein Auge blickt auf eine der eigenwilligsten, schönsten, ­mutigsten Formen, die je im AUDIO-Hörraum gastierten. Alles nur Show? Keineswegs – auch vor den Ohren zeigt sich der Cantata 50 als Ausnahmekünstler.

Resolution Audio Cantata 50

Hersteller
Resolution Audio
UVP
4000.00 €
Wertung
120.0 Punkte
Testverfahren
1.0

Inhaltsverzeichnis 1/2

Liebe macht blind. Aber glücklicherweise nicht taub – vielleicht sogar hellhörig. Genau diese Gedanken jagten durch ­jeden einzelnen der versammelten Köpfe des AUDIO-Teams, als der Cantata 50 erstmals zu seinem Arbeitseinsatz gerufen wurde. Die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Dieses Schmuckstück ist so eigenwillig, so schön, so mutig – dass neben dem Haben-wollen-Rausch auch Misstrauen aufkommt. In den vergangenen Jahren sind AUDIO so viele Schönlinge begegnet, die oft proportional im Missverhältnis zu ihrem Klangpotential standen. Mehr Schminke als Wahrheit. Als Tester schützt man sich automatisch und nimmt eine reservierte Haltung ein. Wenn der Cantata-Vollverstärker genau so eigenwillig, schön und mutig klingen würde, wie er aussieht – eine fatale Liebschaft wäre unvermeidlich. Besser nicht. Oder doch?

Die Elektronik des Cantata liegt im aus dem Vollen gefrästen Alu-Gehäuse.
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© Herbert Härle
Die Elektronik des Cantata liegt im aus dem Vollen gefrästen Alu-Gehäuse.

Wer sich binden will, sollte die Gene der künftigen Geliebten / des Geliebten erkunden. Also zum Tee beim potentiellen Schwiegervater und der Schwiegermutter erscheinen. Im Falle des Resolution Audio Cantata 50 sind es tatsächlich zwei unterschiedliche Gen-Pools: Das kalifornische (Mutter-)Unternehmen Resolution Audio mit Jeff Kalt an der Spitze und der britische Elektronik-Meister Denis Morecroft. Sehr vielversprechende Eltern, die nebenbei René Reuter zusammenbrachte – der Chef des deutsch-schweizerischen Vertriebs von Reson Audio .

Das Hirn hinter dem Cantata ist unzweifelhaft Denis Morecroft – der auf seiner Homepage so wunderbar entspannt und ironisch sich selbst beschreibt: „For the last two decades, Denis Morecroft has been working in areas of audio technology that are normally ignored.“ Ein Andersdenker also. Den die Kollegen des US-Magazins Stereophile erst kürzlich direkt mit Giordano Bruno verglichen haben – jenem Philosophen, der die Unendlichkeit des Weltraums ausrief und dafür von der Inquisition mit dem Scheiterhaufen bestraft wurde (so geschehen 1600 in Rom; genau vierhundert Jahre später hat die katholische Kirche dies als „offensichtliches Unrecht“ eingeräumt).

Ein kleines Netzteil übernimmt die Steuerung und das Display, das große Netzteil dient rein der Musik. Residieren stolz auf ihren Al203-Sockeln: die Vier Ausgangs-Transistoren.

Denis Morecroft sind die modernen Inquisitoren auf den Fersen: Sein eigenes Audio-Design-Unternehmen DNM hantiert mit so „gefährlichen“ Entwürfen wie dreidimensionalen Platinen und ­Mikroprozessoren im Kabelweg. Zudem hat Denis Morecroft sich für Plexiglas als ideales Gehäusematerial ausgesprochen. Unter eigenem Label entstand so der DNM 3D-Vollverstärker – transparent wie ein Aquarium.

Der Cantata 50 hat so überhaupt nichts von diesem Entwurf – äußerlich markiert er die Gegenwelt, innerlich dagegen durfte sich ­Morecroft auf Basis seiner eigenen Verstärker ausleben.

Wer den Resolution Audio Cantata 50 live begegnet, streichelt ihn sofort. Die Oberfläche zieht die Hände an. Eine aus dem massiven Aluminium gefräste Skulptur. Auf deren Front sehr clever eine ­Punktmatrix eingelassen wurde, die Quelle und Lautstärke anzeigt. Wow, das ist smart – und läuft nie Gefahr, als billige Show zu erscheinen. Zu perfekt sind Inszenierung, Verarbeitung und das Gespür für die praktischen Momente.

Mit diesen CDs wurde gehört: Ein Vergessener wird neuer Star der Klassik-Szene. Geirr Tveitt – ein archaischer, aufbrausender Komponist aus Norwegen. Mit Lust am ganz großen Orchester-Klangrausch. Ultra-dynamisch nach BIS-Philosophie.

Das Display beispielsweise ist nicht nur außergewöhnlich, sondern lässt sich auch in drei Stufen dimmen sowie komplett ausschalten. Auch praktisch: Auf der Rückseite kann per „Cantata Link“ eine Signalverbindung zum Cantata Music Center gelegt werden – einem Universal-Player/Wandler für CDs wie für digitale Dateien, die per USB, Ethernet oder SPDIF zugefüttert werden können. Praktische Zugabe: ­Direkt unter den Lautsprecheranschlüssen liegt eine dritte Banana-Muffe – über den der Lautsprecher am Verstärker geerdet werden kann. Eine seltene Option, nicht kriegsentscheidend, aber beispielsweise für Fans von Tannoy (die Schotten unterstützen diese Philosophie) hochspannend.

Mit diesen CDs wurde gehört: Das Raue und Schräge bei Waits  fordert jeden Amp – was so wild und brutal klingt, verlangt Schub und ordnende Hand.
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© ISLAND
Mit diesen CDs wurde gehört: Das Raue und Schräge bei Waits fordert jeden Amp – was so wild und brutal klingt, verlangt Schub und ordnende Hand.

Bei all diesen sinnigen Ausstattungs­details bleibt der dominante Eindruck des wuchtigen Aluminium-Gehäuses. Das hat etwas vom Unibody-Konzept, wie es Apple so erfolgreich bei seinen MacBooks pflegt – und auf eine sehr klar umrissene Zielgruppe trifft. Sofort spricht der kleine Teufel im Unter­bewusstsein: Was so edel aussieht, hat sicherlich viel Geld gekostet. Als Musikfreund sponserst Du also eine Hülle. Die inneren Werte werden auf der Strecke geblieben sein. Womit wir wieder bei dummen Vorurteilen sind: Schönheit weckt Verlangen, aber auch Misstrauen. Über Bord damit – denn unter seiner Haube ist der Cantata 50 nicht weniger begehrenswert.

Denis Morecroft trennt die Stromversorgung: Er stellt dem großen Netztrafo für die Audiosektion einen kleinen Gefährten für alle Steuerungsfunktionen, die Anzeige und den Standby zur Seite (vorbildlich nebenbei: ein „echter“ Ausschalter auf der Rückseite). Der Cantata entwickelt unter seiner Haube in A/B-Schaltung gemäßigte Hitze – die in der große Aluhaut aber die maximale Kühloberfläche findet. Problemlos also. Die Signale werden symmetrisch weitergereicht; abgezapft wird von zwei Cinch- oder zwei symme­trischen Ports.

Der C50 mag keine niederohmigen Boxen, hat aber nichts gegen Phasendrehungen.

Chips wachen über die Eingangswahl wie die Regelung der Lautstärke. Gutes Handwerk, aber weit weniger spektakulär wie die Präsenz der großen MOSFET-Transistoren gleich hinter der Frontanzeige. Morecroft montiert sie auf dem Kühlkörper mit Distanzscheiben aus Aluminiumoxid, um sie von Wechselstromfeldern innerhalb des Gehäuses zu entkoppeln. Hier will jemand mehr als nur brav sein. Morecroft hat den Cantata 50 entrümpelt, auf Tempo strukturiert und vor allem auf Kondition gebracht. Äußerlich ein Schönling, hinter der Front ein trainierter Marathonläufer, der um seine Kraftreserven weiß.

Wie steht es um diese Kraftreserven? Die Ziffer im Namen markiert den maximalen Output: 50 Watt pro Kanal stehen zur Verfügung. Das ist gut. An leistungshungrigen Lautsprechern aber mitunter eine Spur zu ambitioniert? Gerade bei diesem offensichtlichen Vorurteil ist der Amp nicht zu packen. Wir waren erstaunt, wie der Cantata 50 selbst eine großformatige, nicht immer ganz einfach zu versorgende Standbox wie die KEF 207 Reference bei Spiellaune hielt.

Der norwegische Komponist Geirr Tveitt (1908-1981) wird gerade entdeckt – auch und insbesondere von Freunden des gepflegten Klangrauschs. Tveitt tobt sich mitunter in dynamischen Schüben aus, Orchester­musiker nehmen die Rolle eines großen gemeinsamen Formel-1-Motors an, der kurz abbremst, um nach der Kurve umso heftiger zu beschleunigen. Da wird dem Hörer warm ums Herz und vielen Verstärken kalt an den Füßen – die Treibstoffzufuhr gelingt nicht.

Klirrverlauf: geprägt durch ungeradzahlige Oberwellen, diese aber harmonisch gestuft und in perfekt stetigem, dynamischem Verlauf.

Ein Mysterium, woher der Cantata im Test seinen Treibstoff bezog. Die aufbrausende Phrase der Kontrabässe setzte er in den Raum, als wäre es eine Fingerübung. Den schweren Schlägen der Kesselpauke verlieh er Körper, Bass und Raum, wo andere Amps sich mit dem hellen Ton von Fell und Filz begnügten.

Ein weiterer Test auf ein Vorurteil: Der britische Chef-Entwickler wird bestimmt nach der Tradition seines Landes die Mitten über Proportion ausstellen? Tut Denis Morecroft nicht. Wenn Katie ­Melua ihren „Shy Boy“ besingt – dann haben mittel- und hochtonfreudige Verstärker verloren. Meluas Tontechniker haben die „S“-Laute als künstlerisches Mittel zugespitzt. An Show-Elektronik wird es dann scharf und unangenehm. Nichts davon beim Cantata. Mehr noch: Er wirkte im Test offen, in jeder Situa­tion unangestrengt, sehr auf musikalische Entwicklung und Atmosphäre bedacht. Das hatte Charme und Reichtum weit über den Erwartungen der Preisklasse.

Frequenzgänge: ausgewogen, oben und unten mild begrenzt, leichte Lastabhängigkeit lässt auf geringe Gegenkopplung schließen.

Das Team von AUDIO musste sehr hoch in der Bestenliste suchen, um vergleichbar stabile Vollverstärker zu finden. Der bewährte Accuphase E-560 - immerhin 8900 Euro und 130 Klangpunkte schwer - zeigte dem Cantata 50 Grenzen – im Umgang mit komplexen Klanggeflechten, wenn beispielsweise John Lennons Stimme in „I Am The Walrus“ über ­einem schweren, wallenden Tiefbass-Strudel flimmern muss. Da wird der Cantata mitunter eine Spur zu harmoniefreudig – zeigt aber auch seine Cleverness: Er stellt immer genügend Leistung für die Kern-Momente der Musik zur Verfügung. Als ob ein kleines Männchen unter der Alu-Haube säße und schnell analysiert, welche Phrase wichtig, welche Abbildung der Situation entspricht. Geht natürlich nicht.

Obwohl: Vielleicht hat Denis Morecroft ja eine eigene Zwergengestalt von sich geschaffen und für die Kommandozentrale des Resolution Audio Cantata 50 genetisch multipliziert. Im Ernst: Das ist der „schlausteVerstärker der jüngsten fünf bis zehn Jahre, der im Hörraum aufgespielt hat. Man liebt ihn nicht für seine Schönheit, nicht für sein Design, ­sondern für seine Cleverness.

Fazit

Liebe macht hellhörig. Der Resolution Audio Cantata 50 ist eben nicht der modische Schönling, sondern ein wirklich einmaliger Musik-Gefährte. Schwächen? Vielleicht an niederohmigen Boxen, die Leistung brauchen. Ansonsten ein wahrer Glücksbringer: Die Harmoniefreude ist eben keine Harmoniesucht, die Analyse eben immer auf musikalische Werte bezogen, nie spitz, nie aggressiv, immer authentisch. Ein großer Wurf, ein großer Sprung in AUDIOs Bestenliste.

Alle Daten und Testergebnisse zum Resolution Audio Cantata 50

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