Testbericht

Vincent SV-236 MK

Testergebnis
105.0 Punkte
1700 EUR
Testverfahren: 1.0


Bernhard Rietschel

2. April 2009

Wieviel Röhrenklang steckt in Hybridverstärkern wie der brandneuen Version des Vincent SV-236? Und vor allem: welche Art von Röhrenklang? HiFi-Fans schreiben den archaischen Bauteilen nämlich ganz unterschiedliche, zum Teil gar gegensätzliche Qualitäten zu.

HiFi-Fans schreiben den archaischen Bauteilen nämlich ganz unterschiedliche, zum Teil gar gegensätzliche Qualitäten zu. Die einen erwarten eine akustische Schmusedecke zum Schutz gegen die Härten liebloser Digitalproduktionen und pochen daher auf das althergebrachte Image vom warmen, weichen Röhrensound. Andere verehren ein moderneres Klangideal und nutzen Röhren, um jene seltene Mischung aus Schnelligkeit und völliger Körnungsfreiheit zu erzielen, für die angelsächsische High-Ender das schöne Wort „liquidity" geprägt haben.

Messtechnisch lassen sich die Amps beider Schulen oft kaum auseinanderhalten, was auch den Vorwurf entkräftet, es handle sich bei Röhrenverstärkern generell schlicht um Effektgeräte. Ihre Konstrukteure nutzen lediglich die Chance, jenen letzten Rest von Charakter, den jedes HiFi-Gerät unweigerlich aufweist, klar und konsistent nach ihren jeweiligen Vorstellungen zu formen. Mit Ergbebnissen, die sich in jeder Anlage nachvollziehen lassen.

Der zur Mk-Version gereifte Vincent-Haudegen SV-236 kontert an der Feature-Front immerhin mit Klangreglern und Loudness-Taste. Ansonsten geht es dem wuchtigen Amp erkennbar ausschließlich darum, das Signal von einem seiner sechs Line-Eingänge mit der bestmöglichen Mischung aus Vehemenz und Akkuratesse zu vergrößern. Das Röhren-Bullauge in der Frontplatte zeigt, von zusätzlichen LEDs feierlich und mehrstufig dimmbar illuminiert, eine von insgesamt drei Doppeltrioden, die sich nacheinander um die Vorverstärkung kümmern. Die Exekutive übernehmen dann pro Kanal nicht zwei, sondern gleich vier bipolare Transistoren in klassischer, parallel-komplementärer Anordnung. Ihr Ruhestrom ist so eingestellt, dass Leistungen bis etwa 10 Watt – in der Praxis wird nur selten mehr benötigt – in reinem A-Betrieb und damit besonders verzerrungarm entstehen. Die Class-A-lastige Auslegung des 236 erklärt auch seine ungewöhnlich großflächigen Alu-Kühlpalisaden, die sich schon im Ruhezustand vertrauenerweckend erwärmen: hier wird hart gearbeitet.

Wenngleich sich der 236 Mk äußerlich kaum von seinem Mk-losen Vorgänger unterscheidet, haben seine deutschen und chinesischen Entwickler im Innenleben doch tüchtig gearbeitet: Der gekapselte Ringkerntrafo bekam ein effizienteres Kernmaterial, die Platinen ein noch geradlinigeres Layout und an entscheidenden Stellen höherwertige Bauteile, etwa deutsche WIMA-Folienkondensatoren statt deren chinesische Doppelgänger. Ganz nebenbei wuchs die Ausgangsleistung auf drastische 260 Watt Sinus an vier Ohm. Dieser Wert bedeutet, dass der Vincent-Besitzer sich bei der Boxenauswahl nunmehr wirklich nur noch um den Klang zu kümmern braucht.

Trotz seines sorgfältigen Aufbaus mit zahlreichen Schirmwänden ist ein solcher HiFi-Reaktor kein optimales Zuhause für sensible Phono-Vorverstärker, und so nimmt man es der Firma nicht übel, dass sie einen entsprechenden Eingang gar nicht erst offeriert und stattdessen auf mehrere externe Preamp-Modelle zu moderaten Preisen verweist.

Wenn andere Röhrenverstärker gern mit Effekten und klanglicher Wärme kommen, quasi einer Art Italo-Western unter den Amps, dann fällt dem Vincent die Rolle des skandinavischen Autorenfilms zu: Im Bass deutlich gestrafft, dadurch natürlich auch nüchterner, zeigte der SV-236 augenblicklich mehr Details, zeichnete noch präziser die Architektur der Aufnahmen nach und verfolgte bei Sängern jede winzige Charakter-Nuance. Sein Detailreichtum hätte sich mit einem offeneren Hochtonbereich noch steigern lassen können, aber hier haben sich die Entwickler für einen ganz dezent verrundeten Charakter entschieden. Weshalb vom SV-236 als hervorstechendstes Merkmal sein lupenreiner Mitteltonbereich in Erinnerung bleibt, der in einen zwar nicht Unison-gewichtigen, dafür aber perfekt kontrollierten und konturierten Bass gebettet ist.


Technische Daten und Testergebnisse

Allgemein  
Abmessung (B x H x T) 43,0 x 15,0x
43,5 cm
Gewicht 18,0 kg
Features
Gattung (Rec. / Vollv.) Vollverstärker
Fernbedienung vorhanden ja
System-Fernbedienung/ lernfähig ja/nein
Frontplatte schwarz/silbern/champagner ja/ja/nein
Frontplatte andere Fb. nein
Muting ja
Klangregler/abschaltbar ja/ja
Loudness ja
Monitorschalter ja
Aufnahmewahlschalter audio nein
Netzbuchsen geschaltet/ungeschaltet 0/0
Senderspeicher/Speicherautomatik 0/nein
Sendersp. mit aut. Sortierung nein
Anschlüsse
Phono-Eingang MM/MC nein/nein
Eingänge Hochpegel Cinch/XLR 6/0
Digitaleingänge Cinch/XLR 0/0
Boxenausgänge A+B/schaltbar ja/nein
Kopfhörerbuchse nein
Pre-Out/Main-In 1/nein
Tape-Anschlüsse (ein/aus) 1
Prozessor-Eingang/-Ausgang nein/nein
Unity-Gain-Eingang nein
Pre-Out Subwoofer 0
Messwerte
Sinusleistung Stereo 4 Ohm / 8 Ohm 260,0 W / 159,0 W
Musikleistung Stereo 4 Ohm / 8 Ohm 269,0 W / 165,0 W
Störabstand Line 85,0 dB(A)
Bewertung  
ja Endlos Leistung, klingt kernig, sauber und auch bei hohen Pegeln natürlich
nein Rauschabstand etwas knapp
Klang MM
Klang MC
Klang Cinch 105
Klang XLR
Ausstattung gut
Bedienung sehr gut
Verarbeitung sehr gut
Preis / Leistung sehr gut
getestet in Ausgabe: 4/09

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