Vollverstärker Symphonic Line RG 10 MK4 HD im Test
Klangurteil: 130 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
- +einmalig „materialisierte“ Wiedergabe
- +Klangparadiese über wonnigen „Zum drauf Reiten“-Bässen
Der Schaltplan der Endstufe beim neuen RG 10 gibt auch nichts Aufregendes her: Ein – jedoch mit viel schneller, sprich guter lokaler Gegenkopplung arbeitender – Differenzverstärker steuert zwei etwas kräftigere Transistoren an. Diese wiederum treiben einen volkstümlichen zweistufigen Emitterfolger. Ein von Toshiba geliefertes Gegentakt-Quartett (2 x 2SA1943, 2 x 2SC5200) befeuert dann auf jeder Kanalseite die Boxen.
Nein, das wirklich Spannende steckt bei Symphonic Line in dem „Wie“. Nehmen wir mal die Netztransformatoren. Jawoll, Plural, weil Symphonic Line beim RG 10 schon mal zwei größere verwendet: einen mit 450 Watt für die Leistungsstufen und einen weiteren – in einem Nebengehäuse ausgelagert – mit 300 Watt für die Vorkreise. Dabei verrät jeder Taschenrechner, dass etwa die Quellenrelais und Hochpegel- Puffer-ICs nur einen winzigen Bruchteil der angebotenen Leistung verbrauchen.
Der Pre-Out-Treiber und die umfangreiche Phonosektion ändern daran nichts. Dem Audiophilen schmeckt’s trotzdem, weil er mit dem RG 10 nicht nur einen Vorgeschmack auf eine Top-Vorstufe, sondern ein vollwertiges, nach allen Regeln der High-End-Kunst abundant versorgtes Modell besitzt.
Doch zurück zu den Transformatoren. Ohnehin fantastisch, wie viel Physik und Metallurgie praktisch in jedem der millionenfach verwendeten Eisenkern-Knubbel steckt. SL-Chef Rolf Gemein gab sich damit aber nicht zufrieden. Recht hat er, denn die in komplexen Glüh- und Walzprozessen gewonnene Magnetlinien- freundliche Kristallstruktur geht beim Stanzen, Isolieren, Biegen und dergleichen zum Teil wieder baden. Deshalb lässt der Ruhrpottler die fertigen, aus Stapeln der Elektrobleche bestehenden Eisenkerne zur Restrukturierung noch einmal nachglühen. Und werden andernorts Störfelder hauptsächlich mit Sprüchen bekämpft, schlägt Symphonic Line seine Trafos nach Abkühlung und Bewicklung schlussendlich in sauteure Mu-Metall-Mäntel ein, die magnetisch undurchlässig sind.
Nun steht das Problem der Gleichrichtung an, das der Elektronikus gewöhnlich mit irgendeinem Dioden-Quartett erschlägt. Rolf Gemein suchte dagegen – weil die Hörtests dafür sprachen – ungewöhnlich dicke sowie sanft agierende Halbleiter heraus. Und für den RG 10 gleich eine Handvoll, weil pro Vor- und Endstufe ein Dioden-Oktett noch glattere Spannungen liefert. Außerdem entfällt so der Masse-Mittenanschluss, über den ein Trafo potenziell Netzstörungen reinschmuggeln kann.
Bei derlei günstigen Vorzeichen müssten eigentlich handelsübliche Elkos zur Energiesäuberung und -speicherung reichen? Nicht so bei Rolf Gemein: Wie er einen norddeutschen Hersteller überredet hat, nur für ihn ganz allein Elkos mit einer extra widerstandsarmen Folien- Multikontaktierung anzufertigen und mit einem besonders scharfen (akustisch aber weicher klingenden) Elektrolyt aufzufüllen, wird ein Geheimnis bleiben. Dass Gemein allein für die Endstufenversorgung gleich acht große Becher mit je 13 000 Mikrofarad nimmt, liegt aber im Interesse brachialerer Bassimpulse auf der Hand.
Dass der RG 10 MK 4 Reference HD so toll klingt, wie er klingt, liegt aber nicht nur an den Elkos, sondern an ungefähr 1000 weiteren, zum Teil brandneuen Tuningfinessen. Damit setzt er den Hörer nicht nur in wohlige Tonbäder. Er zeigt jetzt auch, dass er – vielleicht als erster Vollverstärker überhaupt – nicht nur Bauch und Brustkorb massieren, sondern mit ungemein angenehmen Schwingungen in natürlicher Kraft und Schwere den Rücken kneten kann.
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