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Testbericht Test: Kopfhörer Audez'e LCD-2

Eine Handvoll enthusiastischer Techniker aus den USA sagt der globalen Kopfhörer-Elite den Kampf an. Ihr bezirzendes Argument: ein Magnetostat namens Audez’e (sprich: „Odyssee“), der Klangverliebte sirenengleich mit audiophilen Tönen verführen möchte ...

Audez'e LCD-2

Hersteller
Audez'e
UVP
1000.00 €
Wertung
95.0 Punkte
Testverfahren
1.0

Ob Aglaophonos („die mit der schöneren Stimme“), Himeropa („sanfte Stimme“) oder ­Legeia („die Heiltönende“) – die Sirenen aus der Odysseus-Sage wussten angeblich ganz genau, mit welchen Tönen man gestandene Seemänner anlocken konnte. Klangerfahrene High-Ender sollen nun nicht minder mit verheißungsvollen akustischen Wonnen verwöhnt werden: Der Audez’e LCD-2 will als Mag­netostat künftig den Ton angeben und fürchtet ­damit selbst den Wettstreit mit den etablierten Kopfhörer-Musen nicht.

© Archiv

Als „Odyssee“ geht der neue Exot in der Lautsprache über die Lippen – doch auf eine Irrfahrt will der junge Amerikaner seine Jünger natürlich keinesfalls lotsen, sondern souverän durch sämtliche audiophilen Gestade steuern. Dafür haben ihm seine Schöpfer, Sankar Thiagasamudra und Alexander Rosson, einiges Rüstzeug mit auf den Weg gegeben.
„Unser Ziel war es, den genauesten Kopfhörer der Welt zu bauen,“ sagt Sankar Thiagasamudra.

Der Audez’e sieht aus wie ein Kopfhörer der alten Schule: Bügel, ­Hörmuscheln, Holz, Metall. Vertrauen ­erweckt er äußerlich mit seinen beiden imposanten, fast CD-großen Ohr­muschelgehäusen aus karibischem ­Rosenholz, das einen warmen Glanz in jede Hütte zaubert. Das tut schon mal der Psyche gut. Obendrein bietet das speziell ausgewählte Naturmaterial den Schallwandlern eine recht resonanzarme Umgebung.

Auf der ohrwärts gewandten Innenseite schmiegt sich feines Leder weich an und über die Lauscher. Die Schalen sind an gerasterten, leicht verstellbaren, verschraubten Metallbügeln recht präzise mechanisch aufgehängt. Oben federt ­allerdings eine etwas weniger wertig wirkende, aber in der Tragepraxis gut funktionierende Schaumstoffeinlage das Haupt ab – angesichts von über einem Pfund Lebendgewicht des Audez’e LCD-2 eine sinnvolle Tugend.

MIT EINEM KLICK:  Die Kabel docken praktisch via Mini-XLR-Stecker am Audez’e an. © Archiv
MIT EINEM KLICK: Die Kabel docken praktisch via Mini-XLR-Stecker am Audez’e an.

Doch trotz seiner ­gewissen Opulenz sitzt der Audez’e recht angenehm auf dem Kopf, ohne groß Druck auszuüben – aber freilich fühlt sich ein Knopfhörer leichtfüßiger an. Die edlen Muscheln liegen an der Leine eines selbst entwickelten Verbindungskabels. Für gute Connections sorgen Mini-XLR-Stecker – so lassen sich je nach Geschmack auch andere Strippen am Audez’e LCD-2 betreiben.

Extrem dünne Folien

Der eigentliche Clou verbirgt sich natürlich im Inneren des offenen Magnetos­tat-Kopfhörers – High-Ender kennen und schätzen Magnetostat-Lautsprecher.
„Wir haben zuerst magnetostatische Lautsprecher konstruiert, konnten also viel Erfahrung mit Flächenstrahlern und dem Umgang mit extrem dünnen Folien sammeln“, sagen die Audez’e-Macher.

Dieses technische Grundprinzip verfolgt der Audez’e – und hat’s dabei theoretisch besser: Potenzielle Nachteile des Boxenbaus wie akustischer Kurzschluss oder unerwünschte Reflexionen sind bei einem Kopfhörer eher kein Thema. Dank der großen Muscheln kann eine üppig ­dimensionierte Flachmembran agieren.
„Wir setzen dabei eine sehr dünne Alu­minium-Leiterbahn ein, die auf die Membran aufgeätzt wird“, so das Firmenteam.

Trotz ihrer Filigranität muss sie aber gleichzeitig Langzeitstabilität garantieren. Bullenstarke Neodym-Magnete, wie Gitterstäbe vor der Folie angeordnet, sorgen dafür, dass aus dem mäanderförmig durch die Leiterbahn fließenden Signalstrom adäquate Antriebskräfte resultieren – der Wirkungsgrad des Hörers ist für Magnetostaten-Verhältnisse erstaunlich gut, Pegelfestigkeit, Verzerrungs­armut und Bass-Performance sind geradezu phantastisch.

Die großen Membranmuscheln erlauben eine souveräne Performance wie aus einem Guss. © Archiv
Die großen Membranmuscheln erlauben eine souveräne Performance wie aus einem Guss.

Um die hohe Qualität zu garantieren, betreiben die Amerikaner Produktion und Kontrolle im Lande, in Nevada und Kalifornien. Als Beispiel für hohe Präzision wäre etwa die angegebene Toleranz der paarweise selektierten Schallwandler von nur  +/- 0,5 Dezibel zu nennen: Diese hohe Symmetrie ist gerade bei einem Kopfhörer wichtig, weil akustische Störfaktoren hier im Gegensatz zur Lautsprecher-Wiedergabe keine Rolle spielen.

Ob der Audez’e wirklich sirenenhaft verlockend aufspielt, sollte sich im Hörtest an den Kopfhörerverstärkern Lehmann Black Cube Linear und Musical Fidelity M1 HPA zeigen, die beide hervorragend mit dem Magnetostaten harmonierten.

Klangstarke Aufnahmen der Flower-Power-70er Jahre läuteten die erste Runde ein. Als Stevie Nicks, Lindsey Buckingham, John und Christine McVie plus Mick Fleetwood die imaginäre Bühne der Record Plant Studios in Sausalito betraten, setzte der Audez’e die Fleetwood-Mac-Hits „Dreams“ oder „The Chain“ satt, druckvoll und tonal sehr ausgewogen in Szene. Stimmen klangen ausdrucksstark sonor und gut konturiert, Percussionsounds sprühten authentisch.

In Elton Johns Song „Curtains“ vom Meisterwerk „Captain Fantastic And The Brown Dirt Cowboy“ prügelte der Ami die knochentrockenen Drumeinsätze von Nigel Olsson grollend und abgrundtief ans Ohr. Erstaunlich dabei: Auch ein mutiger Dreh nach rechts am Lautstärkeregler änderte nichts. Die Musik war selbst bei höchsten Pegeln einfach da, gnadenlos, direkt, aber ohne aufdringlich zu wirken. Also Vorsicht: Wenn der LCD-2 richtig laut wirkt, ist das nicht mehr gesund.

Wärme und Grundton

Der Audez’e brillierte auch bei Stickeinsätzen auf der Schlagzeugkante wie bei „Les Passants“ von Zaz mit einem warmen, authentisch-hölzernen Tacken. Die Stimme der französischen Nouvelle-Pop-Chanteuse unterfütterte der Audez’e LCD-2 mit Wärme und Grundton – und ohne das geringste Körnchen Effekt­hascherei oder Nervosität. Das galt auch für Natalie Merchants wunderbaren Song „Nursery Rhyme Of Innocence And Experience“ (Album: „Leave Your Sleep“): Prägnant, detailreich und mit Charme gesegnet, stand die Singer-Songwriterin und ihre Band im Kopf-Raum.

Der Klirr des Audez’e LCD-2  ist so niedrig, dass die normale 100dB-Messung nicht ausreichte, um ihn überhaupt sichtbar zu machen. Selbst bei 110dB (rechts) ist das Klirr-Häufchen (unter der Frequenzgangkurve) minimal. Der Wirkungsgrad beträgt ordentliche 93dB (1mW) – bei einer Impedanz von 48,5 Ohm fast Porti-tauglich. Der Frequenzgang ist bis 1kHz extrem ausgewogen, darüber fällt der Pegel merklich ab, was auch den etwas dunkleren Klang im Hörtest erklärt. © AUDIO
Der Klirr des Audez’e LCD-2 ist so niedrig, dass die normale 100dB-Messung nicht ausreichte, um ihn überhaupt sichtbar zu machen. Selbst bei 110dB (rechts) ist das Klirr-Häufchen (unter der Frequenzgangkurve) minimal. Der Wirkungsgrad beträgt ordentliche 93dB (1mW) – bei einer Impedanz von 48,5 Ohm fast Porti-tauglich. Der Frequenzgang ist bis 1kHz extrem ausgewogen, darüber fällt der Pegel merklich ab, was auch den etwas dunkleren Klang im Hörtest erklärt.

Der Audez’e LCD-2 bildete Stimmen und Instrumente eher nah ab, ein Sennheiser HD800 hielt einen etwas weiter gesteckten Raum parat. Dies wurde beim backstage eingespielten Song „Rosie“ von Jackson Browne noch deutlicher, wo der Sennheiser obendrein die Konturen und Trennung von Stimmen präziser vollzog und auch dem Piano mehr Glanz verlieh.

Mit wunderbarer Körperhaftigkeit und warmer Tonalität spielte sich der Audez’e dann bei klassischer Kost wie auf „Il Progetto Vivaldi“ der argentinischen Cellistin Sol Gabetta ins audiophile Herz. ­Lediglich das Perlen des Spinetts oder der Obertonglanz der Violinen hätte noch etwas feiner ausfallen können. Zurück zu den Stimmen: Ob die dunklen, cremigen Vocals von David Sylvian auf „I Surrender“ (aus dem Album „Dead Bees On A Cake“), die Neo-Folker von The Low Anthem oder die österreichische Pop-Newcomerin Anna F. – der Audez’e traf den guten Ton mit Selbstverständlichkeit.

Die etablierten Kopfhörer-Musen kann er also in manchem Punkt durchaus in Bedrängnis bringen. Dass die Musen In Homers „Odyssee“ die Sirenen angeblich im Wettstreit komplett besiegten, sei somit der subjektiven Sage überlassen.

Alle Daten und Testergebnisse zum Audez'e LCD-2

 
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