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Testbericht Pro-Ject Stream Box DS

Die „Box Design“-Elektronikserie von Pro-Ject bringt immer anspruchsvollere Produkte hervor. Jüngste Kreation der Wiener: Die Stream Box DS, ein puristischer, aber vollwertiger Netzwerkplayer.

Pro-Ject Stream Box DS

Hersteller
Pro-Ject
UVP
735.00 €
Wertung
103.0 Punkte
Testverfahren
1.0

Pro-Ject Stream Box DS
  • +HD-fähig
  • +Gapless-Play

Es fing alles ganz harmlos an in den frühen 90er Jahren: Heinz Lichten­egger hatte gerade mit dem legendären Pro-Ject 1 die Vinyl-Konterrevolution ausgelöst. Mitten in der Blütezeit des Digitalismus kamen seine tschechischen Lieferanten kaum mit dem Plattenspielerbauen nach. In direkter Konsequenz explodierte auch die Nachfrage nach passenden Phono-Vorverstärkern – das erste „Box“-Produkt war folglich ein minimalistisches, preiswertes, aber verblüffend gut klingendes Preamp-Kästchen für Magnetsysteme.

Die Phono Box und ihre frühen Geschwister liefen noch als Zubehör neben dem Plattenspielergeschäft her. Mittlerweile ist die Elektroniklinie zur weit verzeigten Großfamilie angewachsen, die mit dem Plattenspieler-Zweig inzwischen nicht nur in der Zahl ihrer Mitglieder, sondern auch in puncto Umsatz  gleichgezogen ist.

Die Streaming-Plattform ist klar die größte (und teurste) Platine im Pro-Ject-Player. Das Audio-Board sitzt links daneben, der winzige DAC versteckt sich darauf rechts vorne unter der Bandkabel-Brücke.

Kleinwüchsig & Kompetent

Ein Ende der Erfolgsgeschichte ist nicht in Sicht: Immer leistungsfähiger und vielseitiger werden die Mini-Komponenten der Wiener Marke. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Stream Box DS, ein ausgewachsener Netzwerkplayer mit ebenso ausgewachsenem Preisschild. Auch das Gehäuse ist vergleichsweise groß und misst zwei Höhen- und zwei Breiteneinheiten im Pro-Ject-Raster, das auf dem kleinsten Boxformat beruht. Nur Kennern dürfte auffallen, dass die Frontplatte nicht wie bisher mit weichen Radien, sondern nun mit klaren Kanten ausgeschnitten ist – ein Facelift, der alle zukünftigen Box-Modelle betrifft, wobei es in der Übergangszeit und auf Anfrage auch noch Geräte im alten Styling geben soll.

Der dicke, umlaufende Gehäusemantel macht den Pro-Ject stabil wie eine Geldkassette. Ethernet, WLAN und USB sitzen links, die Ausgänge rechts.

Das Herz jedes Netzwerkplayers ist das Streaming-Board, also jene Kombination aus Chipsatz und Betriebssystem, das die Daten auf Netzwerkfestplatten, Internet-Radioservern, iPods oder USB-Speichersticks für den Nutzer sicht- und auswählbar macht, die gewünschte Musik über die jeweilige Datenschnittstelle anfordert, entpackt und schließlich als einheitlichen Bitstrom der Wandlerabteilung des Players zuführt. Kaum ein Hersteller kann diese komplexe Baugruppe selber entwickeln und programmieren, was zu einer ähnlichen Situation wie bei den CD-Spielern führt: Wie einst das Laufwerk kauft man nun das Streaming-Frontend zu und baut den Player drumherum.

Das übersichtiliche Menü der Pro-Ject Stream Box DS
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© Archiv
Das übersichtiliche Menü der Pro-Ject Stream Box DS

Bei der Auswahl des Zulieferers musste Heinz Lichtenegger nicht mal seine Heimat verlassen – sitzt doch ausgerechnet in Wien, wo auch Pro-Ject residiert, mit Stream Unlimited einer der weltbesten Streamingspezialisten. So ließ sich die Forderung nach dem optimalen „Laufwerk“ perfekt mit dem bewährten Pro-Ject-Prinzip vereinen, Entwicklung und Produktion möglichst lokal in Österreich und dem benachbarten Tschechien anzusiedeln.

Stream700 heißt die Gastspieler-Platine in der Stream Box, sie kommt fix und fertig samt strahlendem, fein auflösendem TFT-Monitor, der die Menüs, Titel- oder Senderlisten, Angaben über die aktuell spielende Musik und auch – falls vom Server ausgegeben – das Albumcover anzeigt. Der Screen bleibt entweder nonstop an, oder er fällt nach einem einstellbaren Zeitintervall automatisch in einen Schlafzustand. Besonders sensible Hörer werden womöglich einen Unterschied hören, einen Hauch mehr Klarheit und Ruhe, wenn der Schirm aus ist. Dieselben werden es auch sein, die instinktiv dem mitgelieferten Steckernetzteil misstrauen und nach einer stabiler geregelten, rausch- und störärmeren Quelle für jene 9 Volt Gleichstrom Ausschau halten, die das Gerät benötigt.

Praxis: Musikarchiv anlegen und ordnen

Die Project-eigene Wandler- und Ausgangsplatine dürfte in der Strombilanz allerdings kaum einen Anteil haben – sie an Minimalismus zu überbieten hätte bedeutet, entweder den analogen oder den digitalen (Koax-) Ausgang vollends wegzulassen. Ähnlich wie schon im Denon DNP-720AE dient ein einziger Chip als kombinierte Wandler-, Analogfilter- und Ausgangsstufe. Hier ist es ein CS4344 von Cirrus Logic – ein winziger Zehnfüßer, den nur ein paar Zentimeter Leiterbahn, ein Mute-Relais und zwei kleine Kondensatoren zum Abblocken allfälliger Gleichspannungsanteile von den Ausgangsbuchsen trennen.

Der Jitter ist mit 1440ps insgesamt etwas hoch, das Spektrum wirkt trotzdem recht sauber.

So schnell der technische Aufbau beschrieben ist, so schwer fällt die klangliche Charakterisierung der Stream Box: Sie entfaltet ihre stärksten Qualitäten immer dann, wenn man nicht genau aufpasst, wenn man vom Testen und Analysieren ins Musikhören verfällt – und das passierte hier auffallend häufig. Will man in platten HiFi-Termini beschreiben, wie die Stream Box klingt, kommt etwas heraus wie „an den Frequenzextremen, besonders im Bass etwas zurückhaltend, klare Mitten, dabei insgesamt sehr unaufdringlich und zurückhaltend“. Das war aber nicht der wirkliche Grund, warum die Alben vom AUDIO-Hörraumserver auf dem Pro-Ject stets überdurchschnittlich lange liefen und der Tester sich zum Umschalten auf einen Vergleichsplayer fast schon zwingen musste.

Im Frequenzgang zeigt sich ein minimaler Bassabfall – nur ein halbes dB bei 20Hz, aber erfahrungsgemäß klingen solche Geräte oft tatsächlich etwas schlank. Bei HD-Material reicht die Wiedergabe ohne deutliche Begrenzung bis über 90kHz.

Das Besondere an der Stream Box ist ihre Ehrlichkeit, eine bemerkenswerte Freiheit von übertriebenem HiFi-Ehrgeiz und Effektsucht. Beim ersten, vielleicht hastigen Reinhören läuft man Gefahr, ihre zarte Stimme zu überhören – nicht zuletzt auch wegen  ihrer mit 0,8 Volt sehr niedrigen Ausgangsspannung.

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Nach exaktem Pegelausgleich sieht es anders aus: Nun klingt es gleich laut, aber im besten Sinne immer noch nicht nach HiFi – dafür beginnt die Musik, etwa der afrikanische Blues „Fantang“ von Malick Pathé Sow („Maayo Men“) zu leuchten. Kora, Hoddu, diverse andere merkwürdige Instrumente aus dem Senegal, Sows lyrischer Gesang und die elegante Rhythmussektion ordnen sich zu einem majestätisch-edlen Klangfluss  den LP-Fans ruhig als „analog“ bezeichnen dürfen.

Praxis: Lautsprecher richtig aufstellen

Ein naheliegendes Vergleichsgerät war der ebenfalls auf dem Stream700-Front­end basierende Musical Fidelity M1 CLIC, dessen aufwendigere Wandlersektion im Bass deutlich mehr Druck machte und die virtuelle Bühne breiter in den Hörraum zimmerte. Was nichts daran änderte, dass Stimmen und Saiten über den Project zugänglicher und noch feiner moduliert schienen. Wie immer erleichterte die Vorstufe Ayre K-5XE mit ihrer reproduzierbar in Ein-dB-Schritten wirkenden Lautstärkeregelung diesen und andere Vergleiche. Als Endstufe spielte die dazu passende Ayre V-5XE, über ganz normale Lautsprecherkabel verbunden mit den durch Dauer-Testeinsatz optisch etwas mitgenommenen, aber immer noch hervorragend klingenden Paar KEF Reference 207/2.

Sieht man von den zusätzlichen Analog- und Digitaleingängen des CLIC ab, die der Stream Box fehlen, glichen sich die Player im Praxisverhalten wie ein Ei dem anderen. Beide schlucken also auch hochauflösende Musikdateien bis 24bit/ 192kHz und spielen durchgehende Live- oder Konzeptalben unterbrechungsfrei ab. Sie erschließen einen per USB angeschlossenen iPod als zusätzliche, fernsteuerbare Digital-Musikquelle, bieten eine schwindelerregende Auswahl von Internetradio-Sendern samt Volltext-Suchfunktion und ziehen sich Software-Updates ohne großes Theater übers Web. Die Wiener haben also gut daran getan, nicht in die Ferne zu schweifen.

Fazit

Die Entwickler der Stream Box haben dem Netzwerkbereich offenbar oberste Priorität gegeben und mit dem, was an Budget übrigblieb, eine minimalistische, aber hervorragend funktionierende Audioplatine gebaut. Das Resultat ist ein Player, der dank Gapless- und HD-Fähigkeit wirklich jedes Album in jeder verfügbaren Auflösung überzeugend spielt, und dessen Klang nahelegt, dass die alte „Quelle zuerst“-Konstruktionsprinzip auch bei Netzwerkplayern gilt. Besser als in der Stream Box dürfte der hier verwendete Wandlerchip jedenfalls noch nie geklungen haben.

Alle Daten und Testergebnisse zum Pro-Ject Stream Box DS

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