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Standlautsprecher Piega Coax 30.2 im Test

Das nennt man Kontrast: 7000 Tonnen Druck und dazu Membranen, die nur zehn Mikrometer dünn sind – Piega mixt daraus eine feine Standbox. Ihrer äußeren Schönheit möchte man misstrauen. Doch zu aller Last ist die Coax 30.2 auch noch ehrlich, treu und reich mit inneren Werten geadelt.
Piega Coax 30.2
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© Hersteller / Archiv

Piega Coax 30.2
Gesamtwertung: sehr gut, 82 Punkte
Preis/Leistung: gut – sehr gut
  • +enorm reiches, detailgenaues Raumabbild
  • +schnell und frei
  • +äußerst präzise in allen tonalen Werten

Ein Dasein als Rentner – ist das erstrebenswert? Die Frage muss erlaubt sein. Auch und gerade in einem so schönen Land wie der Schweiz.

Ein konkreter Fall: Aldo Ballabio ist 67 Jahre alt und seit Kurzem in Rente. Das ist tragisch – für seine ehemaligen Arbeitgeber. Denn Aldo war nahezu unersetzlich: Der Mann faltete bei Piega die Bändchen. Das klingt nach einer untergeordneten Arbeit, fast im Sinne von Tütchenkleben. In Wahrheit konnte es in der Welt des Lautsprecherbaus nichts Schöneres geben: In Aldos Händen lag die Macht über die legendären Koax-Bändchen von Piega. Keiner beherrschte diese Kunst wie er. Die Firmenchefs Leo Greiner und Kurt Scheuch werden geweint haben, als er seinen Abschied feierte.

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Tatsächlich hat es sich nicht so abgespielt. Das Duo Greiner/ Scheuch war natürlich clever genug, Aldo einen Lehrling an die Seite zu stellen, der jetzt die Bändchen faltet, legt, mit Signalwegen verbindet und in eine Fassung verschraubt. Mario ist nicht nur der Nachfolger des großen Aldo, sondern auch sein Sohn. Ein Generationenvertrag, ein Know-how-Transfer wie vor hundert Jahren.

Aldo Ballabio hat lange Zeit die Bändchen der Piega-Boxen gefertigt. © Hersteller / Archiv
Aldo Ballabio hat lange Zeit die Bändchen der Piega-Boxen gefertigt.

Diese kleine Geschichte führt uns vor Augen, wie einzigartig das Wissen im Hause Piega ist – das familiäre Band ist nur Ausschmückung. Selbst wenn alle technischen Daten in maximaler Detailtiefe in einem Computerprogramm hinterlegt wären – nichts könnte das praktische Wissen um die schönen aber auch heiklen Bändchen ersetzen. Das macht Piega schon aus diesem Blickwinkel grundsympathisch. Dass die Schweizer zudem auch noch wissen, auf was es wirklich beim guten Klang ankommt, steigert die Sympathiewerte.

Piega Coax 30.2: Aufbau

Was sie hingegen leicht sinken lässt: Piega-Lautsprecher sind das, was man gemeinhin „finanzintensiv“ nennt. Hier wird nicht von der Stange produziert, das Koax-Bändchen entzieht sich jeder Form von Massenfertigung – im Schnitt entsteht nur eines an einem Werktag. Die neuen Standlautsprecher Coax 30.2 kosten als Paar 8.000 Euro. Das sieht man auf den ersten Blick nicht, aber man kann es fühlen und vor allem hören. Zudem erlebt jeder, dem schon einmal ein Piega- Lautsprecher begegnet ist, ein seltsames Déjà-vu-Gefühl. Denn die Schweizer werfen nicht wahllos immer neue Varianten auf den Markt. Ein Piega-Lautsprecher ist ein Klassiker schon von Geburt an.

Das gilt auch für die neue Coax 30.2: eine überaus schlanke Standbox mit zwei Basstreibern und dem bekannten Bändchen on top. Weit und breit keine Revolutionen. Scheinbar. Auf den zweiten Blick vielleicht sogar ein Rückschritt. Die nunmehr alte Coax 30 wurde in einem leicht anderen Gehäuseschnitt gebaut. Wer von oben auf den Schallwandler herabblickt, erkennt die Unterschiede am schnellsten: Die Vorgängerversion wirkte trapezförmig, die neue 30.2 hat nun wieder jenes Gehäuseformat, das Piega berühmt machte – die Lautenform. Fast wie ein Musikinstrument sieht die Coax 30.2 aus.

Piega setzt seit Jahrzehnten auf Bändchen. © Hersteller / Archiv
Piega setzt seit Jahrzehnten auf Bändchen.

Fast – dagegen spricht die Materialwahl. Dieses Gehäuse ist staubtrocken und akustisch neutral. Nur für die eigene Fantasie: Es braucht den Druck von 7000 Tonnen, um aus einem Aluminiumblock von drei Tonnen die Grundlage für ein Piega-Gehäuse entstehen zu lassen. Danach wird am Firmensitz in Horgen am Zürichsee noch aufwendig Feinschliff betrieben. Piega berechnet das Schwingungsverhalten der Gehäuse mit Laser-Interferometrie und bestimmt das ideale Zusammenspiel von Membranen, Gehäuse und nicht zuletzt der nötigen Bedämpfung mit Bitumenmatten. Auch ein Zeichen von Ehrlichkeit: Piega hat erkannt, dass in diesem Mix der Werte eben doch nichts über die altbekannte, etablierte Lautenform ging und geht.

Praxis: Lautsprecher richtig aufstellen und einwinkeln

Die Bassmembranen liefert Scan Speak – nach Vorgaben der Schweizer. Das klingt branchenüblich, ist es aber nicht ganz: Piega hat sich einen hauseigenen „MOM“-Antrieb patentieren lassen, den Scan Speak unter Geheimhaltung der Details eben nur für Piega fertigt. Die Übersetzung verwirrt eher: „Magnetic Optimized Motor“. Den humorbegabten Firmenchefs ist zuzutrauen, dass sie „MOM“ eher als Huldigung an ihre Mütter und zur zeitgleichen Verwirrung der Konkurrenz erdichtet haben. Tatsächlich lag dem Chefentwickler Kurt Scheuch weniger daran, den Antrieb der Membranen mit mehr PS auszustatten, sondern es ging ihm eher darum, das volle Maß an Newtonmetern auszuschöpfen. Also Drehmoment auf die Straße zu bringen: Die Bassmembranen sollen nicht tiefer, nicht lauter, sondern vor allem schneller sein, um im Timing mit den rasant flotten Bändchen mithalten zu können.

Piega Coax 30.2: Hörtest

Genau hier liegen auch die hörbaren Pluspunkte. Die Coax 30.2 fällt in die Schublade der feingeistigen Schallwandler – faszinierend in allen tonalen und räumlichen Feinstwerten. Beim ersten Kontakt mit den Endstufen im stereoplay-Hörraum wunderten wir uns über die tendenziell eher zurückgenommene Abstimmung. Die Piega machte mit dem ersten Ton klar, dass „laut“ für sie ein überschätzter Wert ist. Die direkten Konkurrenten lehnten sich deutlich weiter aus dem dynamischen Fenster. Beispielsweise eine B&W 804 Diamond.

Piega führt die Signale über vier mit Kabeln gebrückte WBT-Klemmen zu. © Hersteller / Archiv
Piega führt die Signale über vier mit Kabeln gebrückte WBT-Klemmen zu.

Wer die beiden nebeneinander stellt, sieht zwei extrem ungleiche Interpretationen des Prinzips Lautsprecher. In puncto Membranenfläche und Raumverdrängung liegt die B&W um mehr als dreißig Prozent über dem schlanken, filigran wirkenden Schweizer Tonkünstler. Der wurde nicht auf Punch gezüchtet, überflügelt aber in anderen Punkten.

Als klassisches Beispiel dient Debussys „La Mer“ in der späten EMI-Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan. Ursprünglich als Quadrophonie-Rausch geplant und aufgenommen, mit viel Rauminformationen bei extrem weitem Stereobild. An der B&W 804 Diamond hatte das genau jene vordergründige Cinemascope-Ästhetik, für die Karajan noch heute mit Naserümpfen bedacht wird.

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Die Coax 30.2 offenbarte eine komplett andere ästhetische Absicht, fast eine andere Aufnahme. Die hektisch wirkende Großräumlichkeit mit ihren groben, dynamischen Impulsen erhielt plötzlich etwas ganz Weiches: Samt und Geschlossenheit. Man spürte auch 35 Jahre nach der Aufnahme, dass Karajan jede Phrase, jede noch so kleine dynamische Form ausgearbeitet und auch genau so gewollt hat.

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Doch „Samt“ bedeutet nicht, dass die Piega sich als gefälliger Lautsprecher anschlich. Im Gegenteil, sie verlangt Arbeit: Unser Testlauf zeigte, dass sie Zeit zum Einspielen braucht. Ebenso die richtige Elektronik. Röhren sind gute Spielgefährten, und die Phasengenauigkeit ist enorm wichtig für die Geschlossenheit der Abbildung.

Es lohnt sich auch das Spiel mit dem perfekten Winkel zum Hörplatz. Wer möchte, könnte sich auch bei kleinen Pegeln wenige Zentimeter von den Membranen entfernt direkt in ein intimes Stereo-Dreieck setzen. Wunderbar: Das hatte in unserem Test die Qualität von Nahfeldmonitoren aus dem Studiobetrieb – eine Abbildungsleistung zum Schwärmen. Da wurden plötzlich Informationen frei, die man zuvor in Rille oder Bit-Code nicht geahnt hätte. Die Coax 30.2 ist eine Schweizer Befreiungsheldin.

 
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