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Testbericht Clearaudio Master Innovation und Unify 12“ im Test

Clearaudio schichtet ein Monument auf: Das Laufwerk Master Innovation trennt das Vinyl komplett vom Motor – mit magnetischer Kraft und feinmechanischer Gründlichkeit. Erreicht der Turmbau auch klanglich biblische Dimensionen?
Clearaudio Master Innovation + Unify 12“
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© Hersteller / Archiv

stereoplay Testurteil

Clearaudio Master Innovation + Unify 12
Gesamtwertung: sehr gut
Preis/Leistung: befriedigend - gut
  • +kompromisslose Konstruktion
  • +enorm druckvolles Klangbild
  • +Konturenstark bis in den Tiefstbass

Wer hoch hinaus will, weckt Neid und Ängste. Gott wollte sich nicht in den Himmel schauen lassen. Deshalb brach der Turm zu Babel ein – und die Menschen strebten in sprachlicher Verwirrung auseinander. Alles nur ein Märchen, eine biblische Chiffre? „Nein“, sagen heutige Archäologen. Den Turm von Babel hat es wirklich gegeben, tatsächlich in Babylon und geschätzte 70 Meter hoch: gigantisch, gemessen an den Möglichkeiten in alttestamentarischen Zeiten.

Wo will der fränkische Plattenspieler-Hersteller Clearaudio mit seinem Turmbau hin? In den Himmel des Vinyls.

Die Chancen stehen gut: Das Fundament des Master-Innovation-Laufwerks ist stabil und kein drohender Gott von oben in Sicht. Zumal wenig menschliche Eitelkeit dahintersteckt, die bestraft werden müsste, sondern reine Physik. Schließlich ist der Firmengründer und Chefentwickler Peter Suchy studierter Kernphysiker, kein Hohepriester, kein eitler Herrscher.

Obwohl: Etwas Eitelkeit steckt doch in diesem Laufwerk. Es soll besser sein als die Produkte der Mitbewerber und besser als manch anderes Laufwerk im eigenen Katalog.

Turmhohe Preise

Tatsächlich kennt es nur einen hausinternen Clearaudio-Konkurrenten: das 350 Kilogramm schwere und mehr als hüfthohe Statement-Laufwerk. Das wurde aber nicht wirklich für das Alltagsgeschäft getürmt und liegt mit 100.000 Euro auch jenseits mancher Realitäten – „Statement“ sollte seinem Namen entsprechend Machtwort sein und auch Wissensbasis für folgende Modelle.

Wie eben das hier vorgestellte Master Innovation, das bereits für 17.000 Euro zu haben ist. Den 12-Zoll-Tonarm Universal muss der Nutzer für 4.400 Euro hinzukaufen. Wer noch einen Tonabnehmer sucht: Clearaudio empfiehlt seinen Titanium V2 für 6500 Euro. Optional könnten noch zwei weitere Tonarme auf den anderen Standbeinen des Master Innovation montiert werden.

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Das ist der wahre Turmbau zu Babel – ein finanzieller Aufwand, der jenseits des Himmels der meisten Normalsterblichen liegt. Der also ein Affront ist? Natürlich nicht, sondern eine gelebte Vision. stereoplay schätzt sich glücklich, dass sie sich in unserem Hörraum materialisiert hat.

Nicht täuschen lassen: Angesichts der Formatfülle des Laufwerks wirkt Clearaudios „Universal“-Tonarm fast klein, liegt aber in der Königsklasse von 12 Zoll. Ebenfalls royal: ein Tonarmrohr aus Karbon und umfassende Möglichkeiten zur Feinstjustage, Azimut und VTA inklusive. © Hersteller / Archiv
Nicht täuschen lassen: Angesichts der Formatfülle des Laufwerks wirkt Clearaudios „Universal“-Tonarm fast klein, liegt aber in der Königsklasse von 12 Zoll. Ebenfalls royal: ein Tonarmrohr aus Karbon und umfassende Möglichkeiten zur Feinstjustage, Azimut und VTA inklusive.

Selbst Hand anlegen?

Für den Neubesitzer übernimmt natürlich der Händler den Aufbau. Wir durften selbst hochstapeln – und freuten uns. Zuerst über ein Fest der Feinmechanik. Hier passt jedes Detail mit einer Präzision, die mit üblichen Standards im High End kaum gemessen und noch seltener gefühlt werden kann. Wenn sich wuchtige Plattenteller in ihren Aussparungen mikrometergenau an Achsen schmiegen.

Stimmt hier der Plural? Genügt nicht ein Teller auf einer Achse? Eben nicht, hier liegt ja der Clou des Master Innovation: Clearaudio fügt zwei Laufwerke zu einem „Sandwich“ zusammen. Zu einem „Sandwich“, in dem sich beide Toast-Scheiben nicht berühren. Zwischen Vinyl und Drive besteht keine Verbindung. Unser Aufmacherfoto betont den Effekt sehr schön mit einem Lichtspot zwischen den Berührungslosen. Wer in die Konstruktion hineinzoomt, sieht einen Luftschlitz. Neodymmagnete fungieren als Kraftübertrager zwischen der unteren Motoreneinheit und dem oberen Schwingteller.

Wer noch genauer hinschaut, entdeckt sogar einen alten Bekannten: Der obere Teil der Konstruktion ist jenes Clearaudio-Laufwerk, über das stereoplay schon vor vier Jahren jubelte – damals wie heute „Innovation“ genannt. Zum „Master“ wird es durch den Unterbau. Was Clearaudio ehrt: Auch Altbesitzer können aufstocken und ihr Innovation per Upgrade eine Etage höher legen (um 7000 Euro).

Damals (siehe Ausgabe 9/08) schwärmte stereoplay über einen „sensationell guten Gleichlauf“. Diesen erreicht Peter Suchy damals wie heute dadurch, dass er die Motorsteuerung mit einem Infrarotsensor koppelt. Dieser tastet permanent eine im Betrieb unsichtbare Stroboskopscheibe ab. Das war damals und ist noch immer ein echter Wow!-Effekt.

Clearaudio Master Innovation + Unify 12“

Wenn man die Messdaten betrachtet, war der Gleichlauf der beste, der jemals bei stereoplay gemessen wurde.

An dieser Stelle hätte man sich als Entwickler auf die Schulter klopfen und zur Ruhe setzen können. Suchy ließ aber eine weitere Idee nicht los: Er wollte die Schwungmasse vergrößern. Im Master-Aufbau hat er sie verdoppelt. Von oben nach unten beschrieben: Das Vinyl liegt auf einem sieben Zentimeter dicken Plattenteller aus technischem Kunststoff, darunter nimmt sich der 1,5 Zentimeter dicke Edelstahl-Teller fast schlank aus. Die Konstruktion ist bis hierhin absolut passiv. Schwung bringt erst die Etage tiefer an die Achse.

Schwebende Teller

Hier kopiert Clearaudio scheinbar das Prinzip – wieder wuchtiger Kunststoff plus Edelstahl. Ein genauer Blick zeigt aber, dass die Kunststoffschicht zweigeteilt ist – dazwischen: nichts. Am unteren Kunststoffteller liegt der Riemen des Motors an (elegant unauffällig in einem Standbein integriert), 20 Neodymmagnete auf der Oberseite dieses Tellers sind an ebenso viele Pendants auf der Unterseite des darüber liegenden Tellers gekoppelt. Vielmehr stoßen sie sich ab – ein Magnetkissen, berührungslos, schwebende Teller. Die Vibrationen des Motors, ehedem äußerst gering, bleiben in der Unterwelt gebunden.

Ehrfürchtiges Schweigen ist angebracht. Das war in unserem Test tatsächlich ein wundervoller Moment, als sich diese schwere Konstruktion (60 Kilo!) in Bewegung setzte. Wie ein großer Atemhauch. Man muss schon sehr abgebrüht sein, würde man nicht eine Gedenkminute einlegen, selbst tief durchatmen und erst dann die Nadel in die Rille senken. Viele Tonarme sind als Mitspieler sinnvoll. Nur einer verleiht der Konstruktion wirkliche Authentizität und Größe: der ebenfalls am Stammsitz in Erlangen gefertigte Universal. Er ist in 9 Zoll oder wie in unserem Test in adäquaten 12 Zoll zu haben.

Umfassende Ehrlichkeit auch hier: Was wie Karbon aussieht, ist tatsächlich ein Karbonrohr mit passgenauen Alumimium-Übergängen – eigentlich unangenehm teuer für jeden Firmen-Buchhalter, jedoch die ideale Wahl für einen ambitionierten Entwickler. Das Glück liegt darin, dass man im Hause Clearaudio diese wichtigen Positionen familienintern besetzt und damit weitgehend konfliktfrei arrangiert hat.

Das sind die Verantwortlichen – und sie zeigen sich nur beim Aufbau: insgesamt 40 Neodymmagnete, die die Motorebene von der Schwungmasse des eigentlichen Plattentellers entkoppeln. Den Motor selbst hat Clearaudio dezent im vorderen linken Standbein der Gesamtkonstruktion untergebracht. © Hersteller / Archiv
Das sind die Verantwortlichen – und sie zeigen sich nur beim Aufbau: insgesamt 40 Neodymmagnete, die die Motorebene von der Schwungmasse des eigentlichen Plattentellers entkoppeln. Den Motor selbst hat Clearaudio dezent im vorderen linken Standbein der Gesamtkonstruktion untergebracht.

Auch außergewöhnlich an diesem Tonarm: eine Höhenverstellung, die sich während des aktiven Abtastens feinjustieren lässt. Damit lässt sich schnell und ohne Inbus-Schrauberei die Vertical Tracking Angle (VTA) etwa unterschiedlichen Vinyl- Höhen anpassen. Jeder noch so kritische Tonabnehmer kann an diesem Arm montiert werden und sein Potenzial an die Phonovorstufe bringen. Das weckte den Spieltrieb: Wir haben das hauseigene System Titanium V2 von Clearaudio montiert – und ein halbes Dutzend anderer Systeme.

Hörtest

Systeme, die wir glaubten zu kennen. Schallplatten, die wir glaubten zu kennen. Doch das glaubten wir nur: Denn die Clearaudio-Kombi pustete scheinbares Wissen um Diamantschliff und Nadelträger ebenso hinweg wie das Bauchgefühl um unsere Lieblingspressungen. Vor allem die Impulsbereitschaft dieser Arm-/Laufwerks- Kombination verschob Grenzen. Irgendwie haben wir uns an die Wahrheit gewöhnt, dass in einer Schallplatte nur ein begrenzter Dynamikspielraum eingeritzt ist – und allem Digitalen weit unterlegen.

Auf dem Master Innovation fiel auch dieses Denkmodell, als wir „Alice“ von Tom Waits auflegten. Die CD kündet von schwer fassbaren, ultratiefen Melodielinien im Bass – Membranen schwitzen, das Zwerchfell spürt einen Druck. Doch im Hirn kommt keine eindeutige musikalische Information an. Eher ein psychologischer Effekt am Rande des Infraschalls. Elefanten verständigen sich so, Menschen weniger.

Dann drehten wir den Wahlschalter an der Vorstufe nach rechts von der CD zur „Alice“- Pressung auf dem Master Innovation – und gerieten ins Staunen. Die Vinyl-Kombi unterschied deutlich klarer in der Dynamik der Bassfigur. Das war Musik, eine Phrase im Bereich einer Moll-Terz – echte Musik, kein Geräusch. Dazu diese Lust am großen dynamischen Ausbruch.

In the Heart of the Moon - Wundermusik unter sagenhaften Umständen aufgenommen – in einem Hotelzimmer am Niger mit mobilem Tonstudio. Das Abenteuer wurde mit einem Grammy belohnt. Jetzt erstmals auf feinstem Vinyl im Doppelalbum. (World Circuit Records / Nonesuch Records) © Hersteller / Archiv
In the Heart of the Moon - Wundermusik unter sagenhaften Umständen aufgenommen – in einem Hotelzimmer am Niger mit mobilem Tonstudio. Das Abenteuer wurde mit einem Grammy belohnt. Jetzt erstmals auf feinstem Vinyl im Doppelalbum. (World Circuit Records / Nonesuch Records)

Nicht verheimlicht werden soll, dass die Clearaudio-Kombi in unserem Test auch Grenzen aufzeigte. Vielmehr Möglichkeiten: Der Charakter von Drive und Stringenz war stark – wer das Kuschelgefühl von Vinyl sucht, hätte sich nicht wärmen können. Was eher für die Präzision des Laufwerks spricht, die Freude am Ungeschminkten. Aber auch die Wahl des Tonabnehmers zur Königsdisziplin macht. Tipp: nicht den Drive verdoppeln.

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Vollen Genuss bot in unserem Testlauf die Kombination mit dem Kleos-System von Lyra, der Referenz der Redaktion. Auch ein Analytiker – aber eher der Dynamik, der kleinen, musikalisch ungeheuer wichtigen Wellen. Das harmonierte wunderbar mit der Trockenheit, der Unbestechlichkeit des Clearaudio-Laufwerks.

Noch etwas sollte auf den obersten Plattenteller. Fast möchte man hier von einem „geheimen“ Hörtipp reden. Zu dem jedoch nicht passt, dass bereits ein Grammy-Logo auf dem Cover klebt. Das britische Mojo Magazin schwärmte recht hemmungslos: „The most beautiful music on earth.“

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In Mitteleuropa und unter High-End-Fans gibt es jedoch Berührungsängste. Weg damit: Ali Farka Touré und Toumani Diabaté haben sich 2005 in ein Hotelzimmer am Niger eingeschlossen und die Gitarre und die Kora (ein Mix aus Harfe und Laute) ausgepackt. Der Produzent Nick Gold schleppte dazu ein mobiles Tonstudio ins Hotel. Nun ist das Treffen auf Doppel-LP erschienen. Mit einem guten Plattenspieler schwebt man bereits in traumhaft sicher gespielten Saiten-Impulsen. Mit der Clearaudio-Kombi wurde daraus ein Impuls-Rausch: knochentrocken, schnell, springend aus der Boxenebene. Spätestens auf der ersten B-Seite gab es erste Anzeichen von Trance – große Musik, großartig eingefangen und großartig wiedergegeben über Kontinente und Sprachgrenzen hinweg. Der babylonische Turm aus Franken schaffte Ordnung und Einheit; in allen Punkten das Gegenteil von biblischer Verwirrung.

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Ist das das Ende der Geschichte? Nicht ganz. Zu groß ist der Hunger des Erfinders. Nachdem Peter Suchy sein Innovation-Laufwerk von einem physisch festen Antrieb entkoppelt hat, möchte er sein Master Innovation auch vom Strom nehmen. Das heißt: In wenigen Monaten will Clearaudio eine Lösung vorstellen, mit der das Vinyl batteriebetrieben auf Touren kommt. Der Turm von Babel hatte auch keine Steckdose.

Die unsichtbaren Werte: Sensor, Stroboskop, Lager...

Wer sich zu einem Kauf des Master- Innovation-Laufwerks entschlossen hat, kann sich freudig zurücklehnen: Der Fachhändler des Vertrauens übernimmt die Erstinstallation. Für wahre Tüftler könnte es aber eine Freude sein, an diesem besonderen Lego-Spiel teilzunehmen.

Die Bedienungsanleitung des Erlanger Unternehmens ist ebenso vorbildlich wie die feinmechanische Präzision. Da können sich viele Hersteller mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Besonders schön fällt der Rat aus: Man möge sich im Vorhinein sehr klar sein über den Ort, an dem das Master Innovation seine Runden drehen soll. Subtext: „So einfach ex und hopp, lieber Kunde, lässt sich das 60-Kilogramm- Kunstwerk nämlich nicht verschieben.“ So aber doch umfassend feinjustieren – beispielsweise über höhenverstellbare Spikes.

Beim eigenhändigen Aufbau kommt man den schlauen Schönheiten der Konstruktion besonders nahe. Am Boden des unteren Edelstahltellers ist beispielsweise ein Stroboskopring eingefügt, der seine Reflexionen an einen darunterliegenden Infrarotsensor zurückwirft, der wiederum mit der Motorsteuerung gekoppelt ist. Beim weiteren Aufbau stößt man auf nahezu unsichtbar winzige Stellschrauben – hier bietet Clearaudio König Kunde die Option, die Solldrehzahl bei 33, 45 und 78 Runden pro Minute zu verändern.

Wenn er denn partout die punktgenau richtigen Vorgaben ab Werk variieren möchte. Wirklich unsichtbar dagegen: Clearaudio verbaut seine hauseigenen CMB-Lager (Ceramic Magnetic Bearing) – das Konzept der magnetischen Kraft wird hier im Kleinen ausgelebt. Eine Achse aus polierter Keramik kombiniert die klassische Öldämpfung mit zwei gleichpoligen Magnetfeldern – die sich gegenseitig abstoßen und so den Reibungswiderstand verringern sollen. Es folgt das schöne Gefühl, selbst den Riemen über den unteren Antriebsteller zu legen. Und dann blickt man direkt auf die perfekt bündig eingesetzten Neodymmagnete.

The last step - und eine Alternative: Clearaudio legt das Master-Innovation-Laufwerk auch in „Wood“ auf – Panzerholz an den Flanken umschließen transparente Schwungteller. © Hersteller / Archiv
The last step - und eine Alternative: Clearaudio legt das Master-Innovation-Laufwerk auch in „Wood“ auf – Panzerholz an den Flanken umschließen transparente Schwungteller.

Nicht ironisch gemeint: Die Passgenauigkeit aller Clearaudio-Komponenten ist an eine perfekte Raumtemperatur gebunden. Unter 20 Grad solle man – so die Empfehlung der Franken – seine Aufbauarbeit nicht beginnen.

 
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