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Vollverstärker Ayre AX-5 im Test

Hersteller Ayre wollte mit dem AX-5 den besten Vollverstärker der Welt bauen. Ob das gelungen ist, zeigt unser Test.
Ayre AX-5
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© Hersteller/Archiv

Ayre AX-5
Gesamtwertung: sehr gut - 83 Punkte
Preis/Leistung: sehr gut
  • +edel aufgebaut
  • +durchweg analog
  • +herausragender Klang

Charles Hanson, Inhaber und Chefentwickler des amerikanischen HiFi-Spezialisten Ayre, gilt in der Szene als einer der kompetentesten Audio-Experten überhaupt. Wenn sein Anspruch wie beim neuen AX-5 lautet, den besten Vollverstärker der Welt anzupeilen, darf man das durchaus als ernstzunehmende Zielsetzung betrachten. Natürlich strebt das mehr oder weniger jeder ernsthafte HiFi-Hersteller an.

Das letzte prominente Beispiel war der „digitale“ Devialet Premier , der eine verzerrungsarme Class-A-Endstufe mit einem kräftigen Class-D-Verstärker parallel schaltet. Egal, ob Röhre oder Transistor: Im Prinzip scheint zum Thema „Vollverstärker“ mittlerweile eigentlich alles gesagt zu sein, könnte man meinen. So kommt denn auch der 10.800 Euro teuere Ayre AX-5 zunächst mal wie ein klassischer Halbleiter-Vollverstärker daher. Bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch schnell, dass Hanson bei ihm schon fast revolutionär konsequent vorgegangen ist.

Elektromechanisches Kunstwerk: Der Lautstärkesteller verwendet zwei kanalgetrennte Präzisionsstufenschalter mit Reinsilberkontakten vom Spezialisten Shallco, die, Zahnriemen-gekoppelt, von einem Elektromotor angetrieben werden. In der Treiberstufe angeordnet, schaltet er Eingangsströme zwischen den Halbleitern über klangoptimierte Festwiderstände gegen Masse – niederohmig und damit klangschonend. © Hersteller / Archiv
Elektromechanisches Kunstwerk: Der Lautstärkesteller verwendet zwei kanalgetrennte Präzisionsstufenschalter mit Reinsilberkontakten vom Spezialisten Shallco, die, Zahnriemen-gekoppelt, von einem Elektromotor angetrieben werden. In der Treiberstufe angeordnet, schaltet er Eingangsströme zwischen den Halbleitern über klangoptimierte Festwiderstände gegen Masse – niederohmig und damit klangschonend.

Ayre AX-5: Aufbau

Doch zunächst mal die Fakten: Beim Ayre AX-5 handelt es sich um einen reinrassigen, analogen Vollverstärker mit drei symmetrischen Hochpegel-Eingängen, an die sich per Cinch-auf-XLR-Adapter (indem man Kontakt 3 und 1 verbindet) selbstverständlich auch asymmetrische Tonquellen anschließen lassen. Also kein AES/EBU, kein USB, kein S/PDIF: Beim AX-5 ist analoger Purismus angesagt – allerdings auch ohne Phono-Option. Obwohl der Ayre deshalb mit nur wenigen Bedienelementen auskommt, präsentiert er sich optisch keinesfalls minimalistisch karg, sondern ist sogar sehr gefällig gestylt.

Natürlich trägt die exzellente Verarbeitung seines dickwandigen Voll-Aluminiumgehäuses ebenso zu dem spontanen „Den muss ich haben“-Gefühl bei, das sich bereits bei der ersten Begegnung mit ihm einstellt. Sein optisch eher leichtfüssiger Auftritt täuscht dabei etwas über sein Format hinweg: Mit 18 Kilogramm zählt der AX-5 nicht gerade zu den Leichtgewichten – und schon gar nicht zu den Schwachbrüstigen: Immerhin attestiert ihm der Hersteller eine Nennleistung von 2 x 125 Watt an 8-Ohm-Lasten, die sich bei 4-Ohm-Lautsprechern verdoppelt. Damit besitzt der AX-5 genügend Power auch zum Antrieb von leistungshungrigeren Schallwandlern.

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Die Basis eines jeden Vollverstärkers bildet die Stromversorgung. Der Ayre setzt hier auf ein klassisches, lineares Netzteil, wobei er als Umspanner keinen Ringkerntrafo verwendet, der derzeit allerorts gepriesen wird. Ringkerntrafos sind zwar sehr laststabil, öffnen aber, bedingt durch ihre hohe Wicklungskapazität zwischen Primär- und Sekundärwindung, Tür und Tor für übers Lichtnetz eindringende Störsignale, die als klangschädliche Ausgleichsströme auf den Masseleitungen durch die Anlage vagabundieren.

Vielmehr fiel die Wahl auf einen mächtigen 1.000-Voltampère-Boliden mit EI-Kern vom amerikanischen Audio-Trafo-Spezialisten Mercury Magnetics: Die passionierten Amerikaner sind angesagte Spezialisten für Ersatz- und Klang-Tuning-Transformatoren in sämtlichen, hochwertigen Gitarren- und Bass-Amps von Fender bis Marshall.

Das Geheimnis der Mercury-Magnetics-Trafos liegt nicht nur in der Kombination bewährter, traditioneller Herstellungmethoden mit neuzeitlichen Werkstoffen, sondern auch im Kernblechmaterial höchster Qualität, das nur aus US-Fertigung stammt. So mancher Röhren-Ausgangsübertrager ist mit Recht neidisch darauf, was der AX-5 in seinem Netztrafo als Kernblech verbaut.

Im anschließenden Gleichrichterkreis finden sich schnelle und zudem oberwellenarme Soft-Recovery-Dioden, die ein Siebelko-Array mit einer Gesamtkapazität von 180.000 Mikrofarad nachladen. Auch hier gilt: Nur vom Feinsten – die Elkos stammen vom Edel-Hersteller Cornell Dubilier.

Zwei-Stufen-Plan: Während die eigentliche Ausgangsstufe als entkoppelnder Impedanzwandler mit einer Spannungsverstärkung von 1 arbeitet, findet die eigentliche Signalverstärkung um den Faktor 20 (26 Dezibel) in der hier dargestellten Treiberstufe statt. Dieser Bereich wird von einer Metallkappe abgedeckt, die mit einem speziellen Verbundmaterial ausgekleidet ist. Hierdurch wird eine gute thermische Kopplung aller Halbleiter erreicht. © Hersteller / Archiv
Zwei-Stufen-Plan: Während die eigentliche Ausgangsstufe als entkoppelnder Impedanzwandler mit einer Spannungsverstärkung von 1 arbeitet, findet die eigentliche Signalverstärkung um den Faktor 20 (26 Dezibel) in der hier dargestellten Treiberstufe statt. Dieser Bereich wird von einer Metallkappe abgedeckt, die mit einem speziellen Verbundmaterial ausgekleidet ist. Hierdurch wird eine gute thermische Kopplung aller Halbleiter erreicht.

Ayre AX-5: Verstärker-Schaltung

Die eigentliche Verstärker-Schaltung des AX-5 lässt sich am einfachsten mit dem Begriff „Endstufe mit Lautstärkesteller“ beschreiben. Die häufigste Lösung für solch ein „Keep it Simple“-Konzept ist eine Endstufe mit hoher Spannungsverstärkung, unmittelbar am Eingang um ein Lautstärkepotenziometer ergänzt. Bei Variante zwei kommt ebenfalls eine hochverstärkende Endstufe zum Einsatz, sie ordnet den Lautstärkeregeler jedoch im Gegenkopplungspfad an.

Die Methode mit dem Eingangspotenziometer kam für Hanson nicht in Frage, weil sie je nach Tonquelle unterschiedliche Resultate liefert, während der zweite Weg konstruktiv beim AX-5 gar nicht möglich wäre: Der verzichtet nämlich vollständig auf negative Rückkopplung.

Um auch ohne negative Rückkopplung hohe Bandbreite und geringen Innenwiderstand zu erzielen, setzt der AX-5 auf den Diamond-Buffer, der durch seine exzellenten Eigenschaften vor allem als Hochpegel-Ausgangsstufe in der Mess- und Audiotechnik Verwendung findet. Er besteht im einfachsten Falle aus zwei kreuzverschalteten Pärchen mit jeweils zwei komplementären Transistoren.

Diamond-Buffer bewirken eine gute Entkopplung von Ein- und Ausgangssignal – und sind daher perfekt als stromergiebige Leistungsendstufe geeignet. Allerdings weisen sie keine Spannungsverstärkung auf (V = 1) : Diese findet beim AX-5 auch in der vorangehenden Treiberstufe statt, die schaltungstechnisch dem Diamond-Buffer ähnlich ist.

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Mit einer Eingangsimpedanz von 2 Megaohm (1 Megaohm bei unsymmetrischem Anschluss) fällt der AX-5 ebenso hochohmig aus wie ein Röhrenverstärker. Nicht wenige schreiben dieser Anschlussweise bessere klangliche Eigenschaften zu: Fakt ist, dass die Tonquelle hierbei quasi lastfrei arbeitet und selbst bei knapp bemessenem Ausgangskondensator allertiefste Frequenzen wiedergeben kann. Das Umschalten der Programmquellen erledigen linearen Feldeffekttransistoren: Um klangschädliche Ausgleichsströme zwischen den Komponenten zu unterbinden, wird bei den nicht aktiven Eingängen per Relais auch die Masse-Verbindung getrennt.

Gleich, wo man hinschaut, alles ist sinnvoll, nirgendwo ist ein Schwachpunkt zu erkennen. Selbst die vernehmbare Lautstärkeregelung lässt den Besitzer in der Gewissheit zurücklehnen, dass alles mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks umgesetzt wurde.

Ayre AX-5: Hörtest

Und genau so klingt der AX-5: absolut habhaft und strukturiert. Nur ganz selten brachte ein Verstärker den Hörtest-Klassiker „Friday Night In San Francisco“ (natürlich in der K2-Version) so unverblümt offen, luftig und zugleich druckvoll und spannend rüber. Die Geschwindigkeit, mit der sich die „Herren“ akustisch duellieren, macht atemlos. Die Genauigkeit und Authentizität, mit der der Ayre diese Schnelligkeit erlebbar macht, ebenso. Wie sauber hier so ein Gitarren-Korpus abgebildet ist, wie fein die Saiten ausschwingen – fantastisch.

Die Neutralität und Präzision dieses Verstärkers setzen Maßstäbe. Aber was heißt das im Vergleich zu Modellen wie dem Accuphase E 460 und Devialet D-Premier , die in dieser Klasse bislang die stärksten Duftmarken hinterließen?

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Man begegnet sich auf Augenhöhe. Der Accuphase hat nicht ganz die Impulsivität und Präzision, klingt dafür aber nach oben heraus etwas feiner. Der digitale Devialet klingt ähnlich präzise und aufgeräumt, vielleicht nicht ganz so ungebremst dynamisch, hat aber die noch höheren Leistungsreserven und scheint den Basskeller noch genauer auszuleuchten.

Der Ayre AX-5 gehört deshalb ab jetzt dazu – zur kleinen Weltspitze. Er ist eine Maschine, mit der das Musikhören unendlich viel Spaß macht. Mehr Lob geht fast nicht.

Negative Rückkopplung – nicht nur positiv

Jeder Verstärker-Kenner weiß, dass negative Rückkopplung (auch Gegenkopplung genannt) ein probates und daher auch fast immer eingesetztes Mittel ist, um einem Verstärker einen niedrigen Innenwiderstand (also hohen Dämpfungsfaktor), einen weitreichenden Frequenzgang und geringe Verzerrungen beizubringen. Umso mehr ist daher der Entwickler gefordert, wie beim Ayre AX-5 all diese positiven Eigenschaften auch ohne „negatives Feedback“ zu erreichen.

Der Lohn dafür ist durchaus der Mühe wert: Denn es kümmert Verstärkerschaltungen ohne negative Rückkopplung nicht, was man an ihrem Ausgang anschließt – sie behalten ihre Eigenschaften auch bei kapazitiven oder induktiven Lastimpedanzen wie beispielsweise Lautsprechern weitestgehend bei. Bei ihren gegengekoppelten Kollegen hingegen bewirkt die nicht unendlich kurze Laufzeit eine zu hohen Frequenzen hin zunehmende Phasenverschiebung zwischen Ein- und Ausgangssignal – und damit natürlich auch zum Rückkopplungssignal. Das schränkt ihre Stabilität insbesondere bei reaktiven Lasten spürbar ein und lässt sie im schlimmsten Fall sogar zum selbstschwingenden Oszillator werden – beispielsweise bei Betrieb von Boxenkabeln mit „offenem“ Ende. Böse Zungen haben also nicht ganz Unrecht, wenn sie behaupten: Das Rückkopplungssignal trifft stets dann ein, wenn es bereits zu spät ist.

 
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