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Röhrenverstärker Audreal V 30 im Test

Der Audreal V 30 ist äußert sorgfältig und hochwertig verarbeitet. Ob der Klang des Röhrenverstärkers ebenso hochwertig ist, zeigt der Test.
Audreal V 30
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© Archiv, H. Härle, MPS

Audreal V 30
Klangurteil: 100 Punkte
Preis/Leistung: gut - sehr gut
  • +vor allem bei Pop und Jazz höchst angenehmer, tragendgroovender Klang, der nie nervt oder anstrengt
  • -die Strahlkraft in den Höhen könnte frischer und intensiver sein

Von fernöstlichen Vorbildern lässt sich Anstand lernen. Vor allem von dem seit Jahrzehnten in der Universitätsstadt Chengdu ansässigen Hersteller Xindak, der seine Produkte hierzulande unter dem Label Audreal vertreibt. Bringt Cayins teurerer A 88 T MK II 28 Kilo auf die Waage, bescheidet sich der V 30 für knapp 1.600 Euro mit 24. Und winkt der 88er die Signale mit einer altehrwürdiggroßen 6SN7 herein, hält sich der Audreal mit der neuzeitlicheren und kleineren ECC 83 artig-preisklassengerecht zurück.

Die Retros mit dem Bakelitsockel kommen dann aber doch noch in den Treiberstufen zum Einsatz. Indem ein Triodensystem der Doppelröhre über den Verbund der Kathoden-Fußpunkte das andere dazu zwingt, mit der gleich großen Auslenkung (jedoch mit gegenteiligem Vorzeichen) zu folgen, bereiten sie die Ansteuer-Speise für die Ausgangsröhren auf.

Audreal V 30: Aufbau

Bei den pro Kanal mit zwei KT 88 im Gegentakt arbeitenden Endstufen versucht Xindak/Audreal dann doch noch heimlich zu punkten. Statt der 500-Volt-Nichcons kaufte Audreal gleich eine Handvoll 300-Volt-Elkos des nicht minder renommierten japanischen Spezialisten Rubycon ein, um sie paarweise in Serie zu schalten (zwei davon bekamen sogar eine zylindrische Ehrenbehausung vorne zwischen den Röhren). Das deutet auf eine höhere Betriebsspannung und mehr Dampf hin, was der AUDIO-Messwürfel denn auch bestätigt. Insofern mangelt es dem V 30 weder an einem äußerst soliden Netztrafo noch an der obligatorischen schmucken Abschirmhaube – beim Audreal aus Stahlblech mit einem Deckel aus dickem Alu darauf.

Audreal V 30

Audreal V 30, um 1.590 Euro.

Ähnlich wertig wirken die beiden Ausgangsübertrager, bei denen die Messtechnik einen kleinen Einblick in die Xindak-Röhrenphilosophie erlaubt. Ein dezenter Höhen-Rolloff und eine Resonanzspitze bei ganz hohen, nicht mehr hörbaren Frequenzen deutet darauf hin, dass die Ingenieure in Chengdu größeren Wert auf die Effizienz als auf den Frequenzgang legten. Außerdem setzen sie ganz offenbar nur ein Minimum an Gegenkopplung ein, was dem Verstärker zum besonderen Klirrspektrum (mit gleich hoher erster und zweiter und Abstand zu höheren Oberwellen) und zum individuellen Klangcharakter verhilft.

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Wie von Cayin schon vorexerziert, verdrahten auch die Xindak-Mitarbeiter die klangsensiblen Zonen um die Keramiksockel und -leisten herum mühsam per Hand – ohne auch nur eine einzige sichtbare kalte Lötstelle zu hinterlassen. Bei den Anschlüssen der Signal-koppelnden Folien-Kondensatoren werden Textil-Isolierschläuche benutzt. Von den drei Eingangs-Relais aus führen teure (braune) Profi-Koaxkabel zu einem ausgewachsenen Alps-Motorpotentiometer und von dort aus weiter zu den Eingangsröhren. Selbstredend hat Xindak auch an die weiteren, gern genommenen Accessoires gedacht. Etwa an vergoldete, einzeln mit der Rückwand verschraubte Cinchbuchsen oder an extra massive Lautsprecherklemmen, mit denen nur WBT keine Freude hat. Und last but not least an einen schicken, aus vollem Aluminium gedrechselten Ferngeber.

Audreal V 30: Hörtest

Jawoll, der Klang erscheint – selbst an kritischeren Boxen wie der Sonics Allegra – ebenfalls äußerst angenehm. Mit markigen Fußtrommel-Kicks und geradezu abenteuerlichen E-Bass-Galopps in die Tiefen riss der V 30 die Hörer fast noch schneller mit als der große Cayin. Während die Bässe weiter in den Vordergrund rückten, schob der Audreal die Höhen vergleichsweise um ein Stückchen zurück. Deshalb kamen die Bläser nicht ganz so triumphal zu ihrem Einsatz, die Instrumente reckten sich nicht so selbstbewusst und nicht ganz so individuell und frischpoliert-messingglänzend aus der Gruppe hervor.

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Das finale Urteil über den Audreal hing letztlich aber von den Musiktiteln ab. Da profitierten etwa die Bachouvertüren des Freiburger Barockorchesters (harmonia mundi) von der Gesetztheit des Audreal. Beließ er den Cellis mehr Würde, artete der Geigenjubel bei aller Süße nie aus. Ein weiteres Plus: Bei Dominic Millers „November“ (Q-Rious) blieben die gefährlichen Stahlsaitenorgien stets ohrenfreundlich – ohne je an Flair zu verlieren.

Anderseits: Bei Sandy Wollasch wollen die meisten Hörer dann doch noch direkter ran. Was aber die Fans, die auf groovende Röhren stehen, beleibe nicht von Audrals Preis/Wattleistungs-Knüller abhalten soll.

 
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