Menü

Vollverstärker Accuphase E 260 im Test

Der günstigste Verstärker von Accuphase bietet nicht umwerfend viel Leistung. Kann er dank ausgefuchster Technik trotzdem anderen Amps die Show stehlen?

Accuphase E 260
vergrößern
© J. Bauer, MPS

Accuphase E 260
Klangurteil: 120 Punkte
Preis/Leistung: Sehr gut
  • +In jeder Hinsicht umfangreiche, vollständige und dennoch absolut ruhige Wiedergabe ohne jegliche Kanten.

Anständige Tester versuchen, jedem Verstärker freundlich, bestimmt und abgeklärt-objektiv zu begegnen – egal, woher er kommt. Nur bei Accuphase wird es schwierig. Da verneigen sich manche Herren schon vor dem noch verschlossenen Verpackungskarton. Und in der Tat: Dieser – stets doppelt gemoppelt, über 6 Kilo schwer und außerordentlich schlagsicher – verdient durchaus Beachtung.

Wenn das Auge dann auf einen neuen Accuphase fällt, nimmt sich selbst der strengste Juror eine Gedenkminute Zeit. Im Falle des Einsteiger-Modells E 260 für 5.000 Euro kommt ihm zunächst der Urahn E 202 von 1975 in den Sinn, danach erinnert er sich an die Nummern 203 bis 213 und schließlich an den Accuphase E 250 von 2009. Nicht ein einziger dieser Vollverstärker enttäuschte. Es kam vielmehr Schritt für Schritt zu dezenten Leistungserhöhungen, begleitet von Verbesserungen des Störabstands und verminderten Verzerrungen.

Accuphase E 260: Schaltungen

Und es gab immer weiter perfektionierte Schaltungen. So treibt auch der neue E 260 die einzelnen Lautsprecher mit bewährten „working horses“ von Sanken an (2 SA 1186, 2 SA 2637, 10-Ampère- Typen, je zwei parallel geschaltet im Gegentakt). Den komplexen, symmetrisch angesteuerten Zweifach-Verstärker im Endstufen-Eingang haben die Japaner aber weiter verfeinert. Einer steuert wie üblich den nächstfolgenden Kreis. Der andere wirkt dagegen – über Halbleiter-Fußpunkte – auf den Stromverkehr der übernächsten Stufe ein. Zu der gleichen Umschlagstelle schickt auch der Ausgang Strom-Korrektursignale zurück.

Ganz schön clever, darf der HiFi-Technikus kombinieren. Denn Accuphase gewinnt mit dieser ausgekochten Strom-Spannungs-Mischtechnik Freiheitsgrade fürs Tuning. Und damit können die Japaner den Einfluss der Stromgegenkopplungsschleife auf die Vorkreise wunderbar in eine bestimmte klangliche Richtung dirigieren.

Accuphase E 260
vergrößern

Future-Proof: Professoren der Magnetband-Technik goutieren gewiss den Recorder-Ein und -Ausgang des E 260. Jüngere Semester hingegen werden den Deckel ganz links entfernen und ein DAC-Modul mit USB-Schnittstelle einschieben.

Accuphase E 260: Vorstufe

Trotzdem, alles Kinkerlitzchen im Vergleich dazu, was Accuphase für die eigentliche Vorstufe unternahm. Denn Silber, Gold und noch so gute Vorsätze nützen dieser besonders kritischen Baugruppe relativ wenig, wenn sich das Musiksignal durch das übliche Lautstärkepotentiometer kämpfen muss. Nach dem tapferen Sprung von einem Schleifer folgt eine wahrlich widrige Kohle-Hindernisbahn. Bei der üblichen Lautstärke-Position „halb aufgedreht“ sammelt eine Art Feder-Rettungsring die erschöpften Signale erst nach erheblichem Verlust von Feininformationen wieder ein.

Zum Glück hat Accuphase diesem bösen Spiel in seinen aktuellen Verstärkern ein Ende gesetzt. So auch beim E 260, der die rechten und linken Line-Eingangssignale erst mal mit einer Stufe aus fünf parallelgeschalteten Pufferverstärkern umsorgt. Fünffach, weil sich zum einen ein besonders hoher Störabstand ergibt (das Rauschen addiert sich zufällig, die Musikschwingungen nach Plan). Und zum anderen, damit dieser Amp eine neuartige Regelelektronik namens „Accuphase Analog Varigain Amplifier“ (AAVA) mit ausreichendem Nachdruck antreiben kann.

Kaufberatung: Röhren-Vollverstärker im Test

Auf der entsprechenden Platine warten schon eine ganze Reihe von Profi-Schalt-ICs darauf, das gekräftigte Eingangssignal mit Hilfe von 72 Präzisionswiderständen in unterschiedlichste Portionen aufzuteilen – in große, mittlere und auch in kleinste. Je nach Lautstärkewunsch addieren der Bordcomputer und die ICs daraus in praktisch unendlich feinen Stufen einen bestimmten Stromfluss. Letzterer steuert nun eine nachfolgende Stufe nicht nur aus, er erweckt sie durch Variation ihrer Verstärkung zusätzlich mehr oder minder zum Leben. Dieser Amp steht also nicht ständig geifernd unter Hochspannung da, er verhält sich vielmehr mal wie ein ganz kleiner, entsprechend ruhigerer und störärmerer Wicht – und mal wie ein größerer. Damit passt er ein stets voll erhaltenes Dynamikfenster den aktuellen Verhältnissen an. Ein entscheidender Vorteil – weil bei der sonst üblichen Potentiometer-Regelung und der im Alltag notwendigen Dämpfung das Musik-Kleinvieh im Störsumpf versinkt.

Accuphase E 260: Pegelregelung

„AAVA“ können die Tester also zumindest von der Theorie her gar nicht ausdrücklich genug loben. Mit der Extramessung „Schlau und leise“ stimmt auch das AUDIO-Labor in das Loblied ein. Ein ähnliches Ergebnis wäre nur mit einer noch teureren Lösung mit Vari-Trafoübertrager zu erreichen, so wie es der griechische Hersteller Ypsilon bei der Referenz-Vorstufe PST 100 demonstriert. Accuphase setzt aber ohne Frage die praktikableren Maßstäbe.

So schauen wir – mit dem beruhigenden Gefühl, dass die Japaner ihre Hausaufgaben erledigt haben – den Rest des Boliden an. Etwa die großen Drehspul-Instrumente auf der Front, denen Accuphase beim E 260 erstmals eine digitale Anzeige mitgab. Im Prinzip kommt den Dezibel-Leistungswerten nur bei einem bestimmten Laborwiderstand absolute und bei Boxen-Wackelimpedanzen eher eine relative Bedeutung zu. Der Accuphase-Besitzer will deswegen keinen Groß-Prozessor im Verstärker sehen, dennoch freut er sich über die freundlichen Lebenszeichen – über das Zahlenspiel und das logarithmische Nadelgewiege links und rechts.

Accuphase E 260: Anschlüsse und Module

Line 1, 2, 3, Tuner, CD sowie Tape hinein und heraus – solide Cinch-Ins gibt’s in Hülle und Fülle. Zumal der Musikfreund zur Not auf den symmetrischen XLR-Anschluss ausweichen kann. Allerdings wirklich nur zur Not, weil Accuphase die zu 100 Prozent ausbalancierten „Instrumentations“-Eingangs-Amps den teureren Brüdern vorbehält und im E 260 nur mit einem Normal-IC fährt. Wie alle Mitglieder der Familie bringt auch der Benjamin einen vornehmen Einbauschacht mit, der sich mit Pretiosen des Hauses auffüllen lässt. LP-Fans schieben das für rund 1.000 Euro erhältliche Phonomodul AD 20 ein, das sich von der Frontplatte her für Moving-Magnet- und Moving-Coil-Tonabnehmer umschalten lässt (36 dB beziehungsweise 62 dB Verstärkung).

Andere setzen zum selben Preis auf die Erweiterung DAC 30, die via USB-B sowie über einen optischen und koaxialen Eingang Digitalsignale annimmt und mit einer Dynamik von bis zu 24bit D/Awandeln kann – bei einem Takt von 96kHz, im Falle von Koax-In sogar mit noch fixeren 192kHz.

Kaufberatung: High-End-Vollverstärker im Test

Und von wegen Kompromisse: Ein Knopfdruck genügt, um den mit Pre-Outs und Pre-Ins ausgerüsteten E 260 in eine komplett eigenständige AAVA-Vorstufe und einen schicken Endverstärker aufzusplitten. Das steigert den Gebrauchswert unter Umständen ganz beträchtlich. Und allen, die bei den großen, aber von mattem Kunststoff verblendeten Lautsprecherklemmen des E 260 das glitzernde Metall vermissen, sei gesagt: Die Ausgangspotentiale sollen weder Augen noch Finger kitzeln, sondern verlustfrei zu den Boxen gelangen. Dafür hat Accuphase mit den Großknubbeln, die sich leichter kräftig zudrehen lassen, umso gründlicher vorgesorgt.

Selbstredend haben die Japaner auch den probaten Nachschub nicht vergessen. Darauf deuten die nicht nur kapazitiv (2 x 22000 Mikrofarad), sondern auch physisch besonders umfänglichen, vom ebenfalls japanischen Spezialisten Elna zugelieferten Haupt-Stromspeicherelkos hin. Der mächtige, abgeschirmte, vergossene und sicherlich niemals brummende Netztrafo strahlt neben geringfügigen magnetischen Störfeldern nichts als Ruhe und Zuversicht aus.

Accuphase E 260: Bedienung

Was ist zu viel des Guten? Diskussionen löst der E 260 allenfalls mit seinem üppigen Bedienkomfort aus. Doch warum nicht? Bei Gelegenheit will nicht nur Opa mal leise hören. Dann freuen sich alle, dass der E 260 der Hörphysiologie zuliebe die Tiefen und Höhen anheben kann. Mit dem Druck auf den „Comp“-Tipper gelingt dies sogar sofort.

Die Möglichkeit, via Phasenschalter die Auslenkungsrichtung der Lautsprechermembranen um 180 Grad zu drehen sowie für Tests kurz auf Mono zu schalten, nimmt der erfahrene High-Ender dankbar an. Ebenso wie den Accuphase-typischen Klang. Keine Haken, keine Ösen, keine Brechstangen – stattdessen empfängt der E 260 den Hörer lieber mit einer sanften Umarmung. Konsequent wird sein Klang zunächst als äußerst warm, samtig und bei alledem als sehr kultiviert wahrgenommen.

Accuphase E 260: Hörtest

„Fast zu geschmeidig“, meinten einige Tester, doch sie korrigierten sich bald. Denn stellte der Accuphase über die Sonics Allegra etwa Ulita Knaus auf die Bühne, fehlte nichts – weder an Körper noch an Lippenbewegung. Und neigen mindere Verstärker dabei leicht zur Nervosität, nahm die Sängerin ganz mit links und souverän auch mal einen resoluten Ausdruck an.

Mehr lesen

Wunderbar, eigentlich stimmte selbst der metallische Schimmer der brav kreisrund abgebildeten und locker schaukelnden Schlagzeugbecken genau. Das E-Piano züngelte mit absolut leckerer Süße. Und blieb der Bass immer dezent, so diente er – ruppig, bauchig, farbig, mal schiebend, mal bremsend – stets als ein so verlässliches wie prächtiges Fahrwerk. Nach einigen weiteren Platten stand fest, dass der E 260 weniger für den kurzen feurigen Rausch und auch nicht so sehr für Hurra-Stippvisiten, sondern vielmehr für lange, komfortable musikalische Reisen taugt.

Klar, der fast doppelt so teure neue RG 10 von Symphonic Line vermochte noch mehr Druck, mehr Volumen und mehr Überzeugungskraft zu entwickeln – wobei er auch gleich die kräftigeren Accuphase-Amps recht würdig vertrat. Der Denon PMA 2020 AE für 2.300 Euro hörte sich im Vergleich zum E 260 aber untenherum unwirsch, oben quengelig, kurz: enttäuschend an.

Letztlich kam auch der Vorgänger E 250 nicht ganz an den etwas tatkräftigeren und räumlicher agierenden E 260 heran. So wird der distinguierte Musikfreund, der in dieser Preisklasse nicht nur den optimalen, sondern den zeit- und allürenlosesten Vollverstärker sucht, besser denn je von Accuphase bedient.

Fazit

Die Konsequenz, mit der die Accuphase-Ingenieure an Innovationen wie der AAVA-Regelung arbeiten und trotzdem bei ihren Verstärkern auf jegliche optische Mode- Attitüde verzichten, verdient Bewunderung. Diese Philosophie zahlt sich zu Recht in der Treue der Kundschaft aus.

Accuphase E 260
vergrößern

Accuphase-Varigain: Pro Kanal stellen Kombinationen aus 36 Widerständen (1) eine bestimmte Stromgröße und Lautstärke her. Ein spiegelbildlich aufgestelltes weiteres Netzwerk (s) ergibt Symmetrie und Einstreufestigkeit.

AAVA-Regelung: Schlau und leise

Die Verstärkerentwickler kennen das Problem seit langem. Wenn ein Lautstärke-Potentiometer die Eingangssignale absenkt – dabei agiert es in der Regel als Spannungsteiler –, reduziert es leider auch die Dymamik. Das Signal wird kleiner, das Eingangsrauschen der folgenden Stufe bleibt jedoch erhalten. Zur Abhilfe spannen einige Verstärker vor der Dämpfung bis kurz vor dem „Jetzt brennt das Poti“ hoch. Andere regeln zunächst nur zur Hälfte ab, verstärken, um dann noch mal zu regeln, um das eine oder andere Dezibel zu gewinnen.

Die Accuphase-Lösung zeigt aber erstmals die volle Konsequenz. Nach gründlicher Kräftigung erzeugen die Signale in einem Widerstandsnetzwerk einen mehr oder minder hohen Stromfluss. Dieser erweckt – je umfangreicher, desto mehr – einen nachgeschaltenen Verstärkerkreis über seine Gegenkopplungsschleife zum Leben. Im Falle Pegel Null bleibt er still, bei mittleren Pegeln rauscht er mittel, erst bei großen taut er auf – ohne den Störabstand jemals zu vermiesen.

 
Anzeige
Anzeige
x