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Report - Europas Zulieferer Hinter den Kulissen: Audio-Zulieferer WBT

Die besten Steckverbindungen kommen aus Essen. stereoplay machte eine Stippvisite beim Spezialisten WBT, der als einer der erfolgreichsten High-End-Zulieferer der Welt dasteht.

Hinter den Kulissen: Audio-Zulieferer WBT
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© stereoplay
Hinter den Kulissen: Audio-Zulieferer WBT

Wolfgang B. Törner ist ein Überzeugungstäter. Wohl wissend, dass diese kleinen ­Stecker, die er herstellt, in Asien längst viel günstiger und einfacher zu produzieren wären, pocht er seit 1985 auf Qualität „made in Germany“, auf Spitzentechnologie, „die man bitte schön am Standort Deutschland behält“, wie er knurrig betont.

Seine Überzeugung teilt er offensichtlich mit vielen anderen High Endern. WBT-Cinch- oder XLR-Stecker, die Banana- beziehungsweise Polklemmen-Varianten oder die Boxen-
klemmen finden sich in den besten HiFi-Komponenten der Welt. Die Liste von Törners Kunden liest sich wie das Who is Who der High-End-Branche: Wer auch in puncto Stecker das Beste will, verwendet die Kontakte aus Essen.

Tatsächlich ist hier im Kleinen viel teures Know-how verborgen. WBT ersann den Cinch-Stecker 0100 mit Spannzangen-Mechanismus, den Schrägwinkel-Bananenstecker 0645 oder den Sandwich-Kabelschuh 0680 – jedes Modell ein kleines Meisterwerk und jedes wie ein Puzzle aus vielen verschiedenen Präzisionsteilen zusammengesetzt.

Praxis: Lautsprecher richtig aufstellen

Die ebenfalls bestens beleumundeten Spreiz-Bananas bestehen neben dem kupfernen Metall-Leiter aus insgesamt sieben unterschiedlichen Kunststoff-Teilen. Das bedeutet für Törners Kunststoff-Spezialisten Christian Paul: Er muss die stattliche Spritzgussmaschine mit sieben verschiedenen Werkzeugen laden, um den Bausatz für die Spreiz-Bananas komplett zu haben.

Man macht sich normalerweise keine Vorstellung davon, aber die Anforderungen an ­diese Werkzeuge sind gewaltig. Sie müssen gleichzeitig Hitze (bis 420 Grad) und Kühlung ertragen sowie einen Einspritzdruck von bis zu 1100 Bar aushalten. Und bis zur ersten Überholung sollten sie schon einmal 700.000 bis 800.000 der kleinen Kunststoff-Spezialteile hervorgebracht haben.

Damit das überhaupt möglich ist, sind diese Werkzeuge bis auf tausendstel Millimeter genau gearbeitete Metallblöcke – höchst solide Schwarzwälder Präzisionsarbeit, richtig schwer und durchschnittlich 50.000 Euro teuer. Von ihnen hat ­Wolfgang B. Törner dutzende Exemplare im Regal stehen. Das größte wiegt 260 Kilo und ist kaum zu bewegen.

Doch wofür den ganzen Aufwand? Können das die Chinesen denn nicht genauso gut und billiger?

Törners Gesichtsausdruck, bislang immer ganz staatsmännisch, zeigt bei dieser Frage kurz eine Mischung aus Mitleid (wegen der Unwissenheit des Gegenübers) und Abscheu
(bei der reinen Vorstellung). „In diesen Steckern steckt so viel Wissen, das kann man nicht einfach kopieren. Und komisch, dass die Chinesen zu meinen besten Kunden zählen.
Fast eine Million Stecker verlassen die Manufaktur in Essen Kettwig jährlich.

Allein von seinen Bestsellern, den Lautsprecher-Polklemmen in all ihren Varianten, produziert WBT über 200 000 per anno. Und immer versucht Törner, die kleinen Verbindungen besser
zu machen. „Egal, wie gut wir sind: Es sind halt Übergangswiderstände, die wir so gering wie möglich halten sollten“, lautet sein Credo.

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Den Aufbau neuer Steckerkonstruktionen klügelt der ­Diplom-Ingenieur in der Regel selbst aus – und er fertigt auch die ersten Zeichnungen an. Das Hören der Bauteile und der vielen Versuchsanordnungen überlässt er – aus Neutralitätsgründen und weil er gern zusätzliche Meinungen einholt – meist ­anderen. Vor allem mit Manfred Diestertich von Audio Physic, dem Isophon-Team um Roland Gauder oder den Leuten von KEF steht er in ­engem Kontakt.

Kein Zweifel: Törner schätzt den intensiven Austausch mit audiophil geprägten Anwendern. In den Diskussionen mit ihnen entstand auch sein heute liebstes Kind: die Stecker-­Generation Nextgen.

Diese Stecker markieren tatsächlich einen echten Fortschritt, weil sie 1.) noch einmal deutlich besser klingen als ihre Vorgänger und 2.) Törner damit eine Metalleinsparung von fast 90 Prozent gelingt. Das ist angesichts weltweit knapper werdender Ressourcen höchst begrüßenswert. Obwohl für ­einen Stecker nur wenig Kupfer oder Silber verwendet wird, ­addiert sich die Summe bei ­hunderttausenden zu einem stattlichen Ergebnis.

WBT
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WBT

Plagiats-Bremse: Nur Stecker mit diesem Siegel sind echte WBT-Erzeugnisse.

Törner selbst würde für den optimalen Signalfluss immer Kupfer bevorzugen, weil es seiner Meinung nach besser tönt. „Wenn allerdings ein Hersteller schon Silberkabel hat, macht es natürlich Sinn, Silberleiter auch bei den Steckern zu verwenden“, meint er.
Zurück zur Next Generation, die Törner ab 2001 entwickelte und ab 2003 auf den Markt brachte. „Zuerst wollte keiner sie haben; sie waren zu leicht“, erinnert er sich. Doch letztendlich hat sich die Qualität durchgesetzt. Mittlerweile sind Nextgens der Maßstab für alle ähnlichen Steckerarten und werden – das ist das Elend aller erfolgreichen Produkte – auf der ganzen Welt kopiert.

Das Thema Plagiate bringt den sonst sehr konzilianten Wolfgang B. Törner auf die Barrikaden: „Die Nextgen-Entwicklung bis zur kompletten Markteinführung hat mich über 750 000 Euro gekostet. Das muss ich doch wieder rein­holen. In den USA, Europa und vielen Ländern Asiens habe ich mir Nextgen patentieren lassen; das ist teuer. Wenn jetzt ein Plagiat auf den Markt kommt, muss ich schnell dagegen vorgehen, weil ich sonst das Patent verliere.

Der Ärger ist Törner ins Gesicht geschrieben: „Bei dem wirklich sinnvollen Sicherheits-Pin der Bananas würde ich mich sogar freuen, wenn mich die Leute kopieren. Aber an dieser Stelle lassen sie es natürlich bleiben!“ Um seine Produkte vor Plagiatoren zu schützen, hat Törner jetzt ein Kunststoff-Siegel entwickelt, mit dem seine Stecker eindeutig als WBT-Erzeugnisse zu erkennen sind.

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Bei der Herstellung spielt Handarbeit noch eine große Rolle. Kundige Mitarbeiter ­fügen hier alle Einzelteile zum kleinen Ganzen zusammen. Bis zu 4000 Einheiten können pro Tag produziert werden. Dabei wird nicht jeder Arbeitsschritt bei WBT ausgeführt, aber auf alle Fälle in Deutschland. Das aufwendige Polieren des Metalls zum Beispiel gibt Törner gern außer Haus, weil es „ganz schön schmutzt“. Auch das ­Galvanisieren seiner Edelstecker lagert er derzeit noch aus. Aber wie lange noch? „Die Galvanik in Deutschland befindet sich in der Krise“, sagt Törner. „Ich glaube, um die Qualität zu halten, werden wir auch das zukünftig bei uns im Hause ­machen müssen. Platz haben wir ausreichend.

Törner ist mittlerweile 65 Jahre alt, aber an Rente und Aufhören denkt der Essener noch lange nicht. Dazu hat er einfach viel zu viele Ideen, die umgesetzt werden wollen. Erst jüngst entwickelte er einen Dämpfungsring, der seine ­neuen Kunststoff-Polklemmen vom Lautsprechergehäuse entkoppelt. Ein kleines Detail mit großer Wirkung: Im stereoplay-Probeaufbau klang die Variante mit Dämpfungsring einen entscheidenden Tick ruhi­ger und präziser.

So kann man dieses kleine Erlebnis als Synonym für WBT insgesamt nehmen. Die Stecker-Qualität, welche die Essener liefern, ist immer etwas teurer – aber halt auch immer ein ­bisschen besser. 

 
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