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Report - Masterminds Mit Hirn, Charme & Melone: Jürgen Reis - Chefentwickler von mbl

Die Melone trieb ihn vor 29 Jahren zu mbl. Und hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Entwickler Jürgen Reis ist zwar der kreative Kopf des Unternehmens. Er achtet bei seiner Arbeit aber darauf, möglichst oft den Bauch entscheiden zu lassen.

Die Melonen sind schuld. Als Jürgen Reis vor rund 30 Jahren über eine HiFi-Messe schlenderte, fielen ihm die markanten Radialstrahler auf dem Stand von mbl sofort ins Ingenieur-Auge. Da stand sie, die ­ultimative Herausforderung. Ein Lautsprecher, der – ganz wie ein Musik­instrument – den Schall nicht gerichtet, sondern kugelförmig gleichmäßig in den Raum abgeben wollte. Ein Lautsprecher, der statt einer flachen Membran die Idee der atmenden, vibrierenden Kugel nutzt. Ein Lautsprecher, dessen außergewöhnliche Optik kein Designer-Gag war, sondern sich den Zwängen der Physik unterordnete. Ein fast blasphemisch anmutendes Streben nach den höchsten akustischen Idealen – mit damals noch ernüchternden Ergebnissen.

Hoch- und Mitteltöner der mbl F116
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© Archiv
Hoch- und Mitteltöner der mbl F116

Es gab anfangs vielleicht ein, zwei Platten, mit denen hat es gut geklungen. Bei allen anderen hörte man besonders beim Hochtöner furchtbare Resonanzen“, erinnert sich Jürgen Reis schmunzelnd. Heute betrachtet er die Melonen von damals mit einem fast liebevollen Blick. Sie waren seine Einstiegsdroge in die Welt von mbl. Er hätte nach seinem Studium auch bei den großen Lautsprecher-Giganten KEF und B&W anfangen ­können, entschied sich aber für die vergleichsweise kleine Berliner Firma. Nicht zuletzt, weil dort die Dinge immer ein wenig anders betrachtet werden, die Herausforderungen für das Entwicklergehirn nie enden.

Dem Stoff auf der Spur

Ein Radialstrahler baut sich nicht mal eben so. Es gibt kein Handbuch, in dem man sowas nachlesen kann“, beschreibt Reis seine Arbeit bei mbl, der er nun schon seit 29 Jahren nachgeht. Einfach ein paar Chassis beim Zulieferer einkaufen geht nicht – es gibt sie schlicht und ergreifend nicht. Wer sich wie mbl und Jürgen Reis dieser komplexen Art der Schallerzeugung widmet, muss selbst entwickeln und bauen.

Angetrieben wird nach wie vor elektrodynamisch über Schwingspule und Magnet, aber statt einer einzigen Membran schwingt eine ganze Kugel, zusammengesetzt aus mehreren Lamellen. Die große Kunst ist es, diese Kugelflächen gleichzeitig stabil und flexibel genug zu konstruieren, um sie kontrolliert zu bewegen, atmen und pulsieren zu lassen.

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Nur wer sich intensiv mit Werkstoffen und Materialien beschäftigt, kann bei diesem Wettstreit mit der Physik erfolgreich sein. Jürgen Reis analysierte ­unzählige Verbindungen und Kombina­tionen, nicht nur im Labor, sondern auch immer mit den eigenen Ohren. Denen vertraut er im Zweifel mehr als jedem Messprotokoll. Auch winzige Abweichungen im Material spürt er auf diese Art auf.

Bei einer Lieferung der Aluminium-Magnesium-Legierung für die silbrigen Lamellen der Tiefton-Melone gab es einmal eine solche Abweichung. Auf den Papieren war alles wie immer, aber klingen wollte es nicht mehr so recht. Prüfergebnisse und Beteuerungen der Zulieferer interessieren Reis in solchen Fällen weniger als der resultierende Klang.

Hochtöner mbl F116
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Hochtöner mbl F116

Letztlich glich er das veränderte Schwingverhalten mit einer dickeren Kupferverstrebung und einer leichten Anpassung der Frequenzweiche aus. Obwohl mbl seine Zulieferer mit größter Sorgfalt auswählt und auch bei Preisschwankungen nicht voreilig wechselt, nur um ein paar Euro zu sparen, bleibt bei diesem Prozess ein Restrisiko. Maschinenbauer können vielleicht mit leichten Materialschwankungen leben. Ein Entwickler wie Jürgen Reis aber nicht.

Immer mit Gefühl

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Einer wie Jürgen Reis wäre vermutlich in einer anderen Lautsprecher-Schmiede auch nicht so glücklich geworden. Zahlen, Daten, Messungen – das alles spielt bei ihm eine, aber nicht die größte Rolle. Zwar bedient er sich natürlich ihrer Hilfe und muss innerhalb ihrer Vorgaben agieren, berechnen und arbeiten. Aber sein wertvollster Verbündeter ist seine Intuition. So passen er und die Radialstrahler bestens zueinander – ein ganz und gar ungewöhnliches, nicht alltäg­liches Prinzip und ein ganz und gar ungewöhnlicher Entwickler.

Nach dem Studium musste ich erst mal wieder lernen, nicht nur den Fakten, sondern auch meinem Bauch zu vertrauen. Aber Musik ist eben mehr Gefühl als rationale Analyse.“ Deswegen faszinierten ihn die Melonen auf Anhieb, dieses utopische Projekt jenseits des nüchternen Direktstrahler-Alltags. Die Idee, Musik nicht mehr nur ­innerhalb eines begrenzten Sweet-Spots greifbar zu machen, sondern überall im Raum, entsprach seiner eigenen Philosophie.

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Reis ist leidenschaftlicher Musiker, er singt und performt in einem ­Musical-Chor und spielt in einer Speed-Metal-Band – für ihn alles andere als ein Widerspruch. Und nebenbei verwirklicht er sich noch als Toningenieur, mit eigenem Studio. Dort nimmt er von der Punk-Band bis zum Klaviervirtuosen Martin Vatter alles auf – allerdings unter seinen Bedingungen. Möglichst in ­einem Take und mit viel Emotion. Erst, wenn bei Reis die Gefühle und Tränen fließen, ist die Aufnahme fertig, ist die Musikerseele zufrieden.

mbl F116
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mbl F116

Musik ist für Reis grenzenlos und all­umfassend, und so soll sie auch im ­hei­mischen Wohnzimmer klingen. ­Neben den Lautsprechern gehört dazu immer öfter die passende Elektronik: Vor- und Vollverstärker, Endstufen, CD-Player und Wandler. Jürgen Reis ist Chef­entwickler für alle Fälle.

Grenzen des Machbaren

In Eberswalde, zirka 80 Kilometer nordöstlich der mbl-Zentrale auf dem Kurfürstendamm in Berlin, erwachen seine Entwürfe zu Leben. Rund 50 Mitarbeiter setzen aus größtenteils im eigenen ­Betrieb erstellten, sorgfältig ausgewählten Komponenten alles zusammen, was später ein mbl-Logo tragen soll. Es herrscht konzentrierte Gelassenheit in den Fertigungshallen. Hektik ist hier der größte Feind.

Mehr als die Stückzahl, die pro Tag gefertigt wird, zählt hier die Sorgfalt. Jedes Produkt wird geprüft, bevor es die Montagehallen verlässt, jeder ­Mitarbeiter kontrolliert lieber zweimal, bevor er es aus seinem Verantwortungsbereich gibt. Eberswalde liegt zwar räumlich getrennt von Reis‘ Büro, aber die Verbindung ist nie ­unterbrochen. Das ­eine könnte ohne das andere nicht existieren.

Wie sehr Jürgen Reis und mbl die Technik herausfordern, wird am Beispiel der Hochtöner deutlich. Feingliedrige Frauenhände fügen die kleinen Lamellen ­zusammen, bedächtig, konzentriert. Und dennoch: Bei der obligatorischen Endprüfung fallen 25 bis 30 Prozent durch die akustische Kontrolle. Äußerlich ­makellos, aber schon ein winziger Fehler reicht aus, um die Wiedergabe zu beeinträchtigen.

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Fest steht: das ist immenser Aufwand, und die Preisschilder sind dementsprechend selbstbewusst. Wer sich für mbl interessiert (und das sind weltweit nicht wenige), ist aber auch nicht auf Schnäppchen angewiesen. Der kleinste Radialstrahler namens mbl126 kostet um die 8000 ­Euro, der größte namens mbl101 Xtreme geht in den sechsstelligen ­Bereich. Dazwischen liegt zum Beispiel die Standbox 116F Elegance aus der „Noble Line“ für rund 20000 Euro, ein Hybrid mit radial strahlenden Hoch- und Mitteltönern und vier im Grund- und Tiefton arbeitenden Konus-Chassis.

mbl
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mbl-Rohmaterial

In Eberswalde, rund 80 Kilometer von Berlin, liegt die mbl-Manufaktur. Dort entstehen alle mbl-Produkte in sorgfältiger Handarbeit.

Genau diese Box steht nun vor mir und soll mir die Frage beantworten, wie weit sich die Physik tatsächlich bezwingen lässt. Ist es möglich, die Natur perfekt zu imitieren? Schafft es ein ­Lautsprecher zu klingen wie eine natürliche Schallquelle? Im ersten Moment bin ich verblüfft und weiß noch nicht einmal genau, ­warum. Weil ich mit einer fulminanten, spektakulären Eröffnung gerechnet ­hatte? Stattdessen sitze ich da und ­lausche, bemerke keine offensichtlich heraus­ragenden Tugenden, keine blitzenden Details, keine schwarztriefenden Bässe. Bis es mir dämmert. Ich höre nicht angestrengt, ich lausche.

Ich sitze entspannt auf meinem Platz, Block und Stift gezückt, habe aber kein Wort notiert. Es geht in diesem Moment nicht um Schatten und Licht der Wiedergabe, ob der Bass im stark bedämpften ­AUDIO-Hörraum mehr oder weniger präzise arbeitet. Es geht nur um die ­Musik. Sie erklingt nicht, wie so oft, aus ­einer klar definierbaren Richtung, sondern manifestiert sich im Raum, ­zeichnet wie selbstverständlich die Bühne und mit ihr alle Künstler so, wie sie auf der Aufnahme zu finden sind –  egal wohin ich mich bewege. Ein Jazz-Trio gruppierte sich genauso akurat auf der ­Bühne wie ein mehrköpfiges ­Händel-Ensemble. Und ich ahne bereits, dass dieser Lautsprecher in einem anderen, natürlicheren Raum noch eleganter, noch unan­gestrengter zeichnen kann.

Jürgen Reis nennt dieses entspannte Genießen „intuitives Hören“, und besonders Frauen sollen dazu befähigt sein. Ich weiß nicht, ob Frauen wirklich anders hören als Männer, aber sollte es so sein: Gottseidank bin ich eine Frau!

 
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