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teleschau - der mediendienst

21. Februar 2012
Interview: Michael Thiel - Existenzängste im Hotelzimmer Bild vergrößern 680 1020 http://img2.magnus.de/Michael-Thiel-ist-niedergelassener-Diplom-Psychologe-Trainer-und-Coach-mit-den-Schwerpunkten-Krisenintervention-Paar-und-Familientherapie-sowie-Pers-nlichkeits-und-Gesund-r680x1020-C-19dfd95c-52272432.jpg © www.psychologethiel.de
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Interview

Michael Thiel - Existenzängste im Hotelzimmer

Drogen, Alkohol, Medikamente, Depressionen und Krankheit: Nicht erst seit den tragischen Geschichten hinter dem frühen Ableben von Superstars wie Whitney Houston, Amy Winehouse oder Michael Jackson müsste es eigentlich ein jeder geschnallt haben: Was nach Glamour aussieht, ist verdammt harte Arbeit. Was reich und glücklich wirkt, ist manchmal ganz schön arm dran. Und wer hochfliegt, kann eben auch besonders tief stürzen.

Der aus dem Fernsehen bekannte Psychologe Michael Thiel, zuletzt bei der SAT.1-Show "The Voice of Germany" im Einsatz, coacht zahlreiche Künstler, und er weiß: Abschreckende Wirkung haben derlei Erkenntnisse natürlich nicht auf die Heerscharen von Talenten, die ihre Frühwerke an Plattenfirmen schicken oder gar beim TV-Casting vorstellig werden - alle wollen Popstar werden. Aber womöglich hat ja schon eine genauere Analyse des Seelenlebens der Popstars vorbeugende Wirkung ...

teleschau: Warum ist es eigentlich so schwer, reich und berühmt zu sein, Herr Thiel?

Michael Thiel: Ja, reich, berühmt, schön, talentiert, mega-erfolgreich - wer wäre das nicht gerne?! Aber das Problem mancher Stars ist eben, dass sie nur auf diese Attribute reduziert werden - einige ihr Leben lang. Bei Whitney Houston war das im Grunde so, seit sie mit 14 Jahren entdeckt wurde. Das Publikum will nur den strahlenden Star auf der Bühne und setzt diesen automatisch gleich mit der Privatperson. Das ist aus der Sicht des Publikums auch in Ordnung so. Aber es ist eben für manche sogenannte Stars genau der Punkt, an dem sie zerbrechen.

teleschau: Aber auf der anderen Seite steht ja auch etwas: Glamour und Geld. Was also läuft schief, dass selbst absolute Superstars immer wieder abstürzen?

Thiel: Ich glaube, es liegt an dem ungeschriebenen Gesetz, dass es ganz oben in der Glitzerwelt keinen Platz für die schwachen, die dunklen Seiten der Persönlichkeit gibt. Selbstzweifel und mangelndes Selbstwertgefühl dürfen da einfach nicht gezeigt werden, denn das, so der verbreitete Glaube, wäre imageschädigend. Ich betreue ja auch Künstler psychologisch und weiß aus dieser Arbeit, wie es diesen Menschen geht, wenn der warme Applaus verklungen ist, die Scheinwerferlichter aus sind und der letzte Drink auf der Aftershow-Party ausgetrunken ist.


teleschau: Nämlich wie?

Thiel: Die sind oft furchtbar einsam. Sitzen alleine in ihrem Hotelzimmer und laufen buchstäblich gegen die Wand, können nicht schlafen, weil sie unter dem Zustand des Alleinseins leiden. Die fallen in ein Loch. Plötzlich kommen wochenlang Ängste hoch - in einem Maße, dass es unerträglich werden kann.

teleschau: Ängste welcher Art?

Thiel: Pure Existenzängste oftmals - nicht nur bei denen, die sich darum sorgen, wie sie ihre Miete zahlen sollen, sondern selbst bei Künstlern, die es zu einer gewissen Größe und zu Reichtum gebracht haben. Nach der ersten Euphorie stellt sich bei manchen eben das Bewusstsein ein, dass sie mit ihren besonderen Talenten vielleicht auch benutzt werden, um Geld zu machen, dass sie Teil einer Maschinerie sind. Und dann kommt dieser Druck: Ich habe eine Verantwortung, ich muss funktionieren, immer weiter arbeiten, Termine wahrnehmen, meine Rolle spielen - und wenn es morgens um sechs beim Frühstücksfernsehen ist. Da muss ich antreten, auch wenn es mir gerade nicht so gut geht. Jetzt zurück ins einsame Hotelzimmer: Der Griff zu Alkohol und Drogen ist bei einigen da nicht mehr weit. Und natürlich ist es so, dass Superstars in einer gewissen Kategorie mit ihrem Geld an alles herankommen - zum Beispiel auch an verschreibungspflichtige Medikamente.

teleschau: Hört man Ihnen zu, glaubt man, dass jedem Star glatt ein Pflichtpsychologe verordnet werden müsste!

Thiel: Ja, warum nicht. Wichtig wäre eine gewisse Betreuung schon vorher, also wenn ein junger Künstler gerade erst auf dem Weg zur Berühmtheit ist.

teleschau: Also so, wie Sie das hinter den Kulissen der SAT.1-Show "The Voice of Germany" gemacht haben?

Thiel: Genau. Bei "The Voice" nannten sie mich im Scherz manchmal einen "väterlichen Freund" (lacht). Es reicht ja oft, wenn so ein Coach auf Stand-by ist: Hauptsache, der Künstler hat das Gefühl, dass da jemand ist, der sich um ihn kümmert, der immer da ist und ihn auffängt, wenn es wirklich darauf ankommt. Das gibt ihm schon mal eine Grundstabilität. Aber natürlich braucht es auch ein Coaching im Umgang mit Medien, mit Publikum, mit Ruhm ... So entsteht ein sicherer Schutzraum, in dem sich ein Künstler immer über alles aussprechen kann, ohne dass es gleich Kreise zieht. Und zu guter Letzt gibt es psychologische Techniken, die man den Leuten beibringen kann, die sowohl gegen Stress oder Ängste helfen als auch ihre Fähigkeiten optimieren können.

teleschau: Wie wäre es mit Freunden und Familie?

Thiel: Wunderbar, wenn ein Star das noch hat.

teleschau: Ist es wirklich so schlimm?

Thiel: Oft ist es sogar schlimmer, als man es sich vorstellen kann. Je höher die Künstler aufsteigen, um so schwieriger wird es für sie in dieser Hinsicht. Glauben Sie mir: Es geht ganz schnell, dass zu diesen Leuten plötzlich auch vermeintlich beste Freunde kommen und fragen, ob sie hier und da eine Backstagekarte bekommen oder mal mit zu einer Gala kommen können und dergleichen. Dann beginnt man sich als Künstler natürlich zu fragen: Ist der jetzt nur noch mein Freund, weil ich um Rampenlicht stehe? Klar, es gibt auf einmal jede Menge neuer Freunde - viele Pilotfische, die sich an den Ruhm hängen.

teleschau: Verraten Sie uns aus Ihrer Praxis, wonach sich die Stars am meisten sehnen?

Thiel: Nach Ruhe und Normalität! Die meisten Künstler lechzen förmlich danach, die kommen zu mir und sagen, dass sie nichts sehnlicher wollen, als einfach mal für fünf Tage ihre Ruhe zu haben. Der öffentliche Mensch kommt eben zu seinen Urbedürfnissen zurück: ausschlafen, ungestört und privat sein. Auf der einen Seite stehen da manchmal Verträge dagegen, die die Stars erfüllen müssen. Und auf der anderen die Frage, in welches Hotel sie gehen können, ohne von Paparazzis und Fans belagert zu werden. Auch das ist mitunter ein ernstes Problem.

teleschau: Erklärt das auch die Marotten einiger Stars?

Thiel: Als ich mit der Arbeit mit Künstlern anfing, dachte ich auch erst: Mein Gott, was sind das manchmal für Zicken! Aber dann begriff ich, dass es wohl ein bisschen anders ist: Es geht für diese Leute um ganz existenzielle Dinge - vor allem: Die müssen schlafen, um jeden Tag aufs Neue zu funktionieren, gesund zu bleiben und gut auszusehen. Also brauchen sie dieses oder jene Kissen, ein bestimmtes Abendessen oder sogar mal ein besonderes Ambiente auf der Toilette ... Schwer nachzuvollziehen, ich weiß, aber für mich haben sich die sogenannten Macken wirklich relativiert: Stellen sie sich vor, sie sind acht Monate nicht zu Hause, dann brauchen sie etwas, um sich heimisch zu fühlen. Da würde jeder sich ein Stück aus seiner Badeinrichtung mitnehmen wollen. Bei manchen Superstars kommt sicher dazu, dass sie sich eine gewisse Zickigkeit als Selbstschutz zugelegt haben. Wobei ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Je weiter oben, umso cooler sind die Leute.

teleschau: Was raten Sie jungen Künstlern?

Thiel: Meinen jungen Künstlern rate ich natürlich von jeder Form von divahafter Zickigkeit ab. Selbstbewusstsein? Ja! Freundlich die eigenen Wünsche durchsetzen? Ja! Wenn ich aber mal mitkriege, dass sie einen Chauffeur oder eine Maskenbildnerin geringschätzig behandeln, dann können die mal die andere Seite des netten Psychologen erleben!



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