Menü

Geschichte der PA Klangerlebnis Konzert

Bei Großbeschallungen tat sich technisch lange Zeit wenig. Jetzt aber folgt eine Innovation nach der anderen – von Dynacord über JBL bis Meyer Sound.
Das Bild zeigt einen typischen aktuellen Bühnenaufbau mit Electro-Voice-Technik.

Auf der HIGH END 2010 machte Silbatone von sich reden. Die Koreaner demonstrierten ihre aktuellen Röhrenverstärker mit Kino-Lautsprechern von Western Electric aus den Vierzigern. Die Trümmer von der Größe eines Kleiderschranks versetzten einige ­Zuhörer ins Schwärmen, auch bei stereoplay verfehlte die klangliche Performance nicht ihre Wirkung. Zwar verfärbten die 60 Jahre alten Boxen ganz ordentlich, aber ihre ungebremste Direktheit und Dynamik faszinierten einfach. Auf der Webseite von Silbatone (www.silbatoneacoustics.com) entdeckt man, dass die Koreaner eine riesige Sammlung dieser historischen Prachtstücke besitzen.

Electro Voice Eliminator A1: typischer Mehrwege-Hornlautsprecher einer kleinen PA von 1970.
Electro Voice Eliminator A1: typischer Mehrwege-Hornlautsprecher einer kleinen PA von 1970.

Während einer Diskussion in der Redaktion nach der Messe entstand die Idee, doch mal zu recherchieren, was sich seit 1948 bei Großbeschallungs­anlagen getan hat. In Gesprächen mit den Herstellern solcher Dickschiffe stellte sich dann heraus, dass die jeweilige Geschichte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erschreckend kurz ist.

Mit die ersten waren JBL – oder was heute JBL heißt, denn ursprünglich hingen Lansing, Shearer und Western Electric zusammen. Eins der wenigen ernst zu nehmenden PA-Produkte, das es von den 30ern bis in die 60er Jahre hinein gab, waren diverse Abwandlungen und Detailverbesserungen des „Voice Of The Theater“, jenes Lautsprechers, der die Besucher der Münchner HIGH END jüngst in ihren Bann zog.

Der Vertrieb via Western Electric bot sich an, weil die Firma zu den Innovatoren des Lichttons beim Film gehörte und als ­Anbieter der passenden Röhrenverstärker im Kino einen riesigen Markt beackerte. Auch unter dem Namen Altec Lansing Corporation konnte man das „Voice Of The Theater“-Programm erwerben. Unter www.voiceofthetheatre.com zeigt ein Sammler historische Prospekte der bis zu 3,2 x 3,2 Meter großen Kolosse. Mit wenigen Ausnahmen wie Klipsch gab es jahrzehntelang kaum Konkurrenz auf diesem Markt, Konzertsäle oder Theater wurden nur selten beschallt.

Das änderte sich mit der aufkeimenden Popkultur. Plötzlich gab es einen Bedarf, mit wenigen Instrumenten von einer Bühne aus große Massen zu beschallen. Zu den Innovatoren zählten unter anderen die heute getrennt agierenden Marken JBL und Altec Lansing sowie Electro Voice, das seit 2006 ­gemeinsam mit Dynacord zu Bosch gehört. Ein früher Höhepunkt, nachdem sogar die Beatles ihre Konzerte zuvor über die trötigen Lautsprecher der Hallendurchsage-Anlage spielen mussten, war das zur Legende gewordene Woodstock Festival 1969.

EV Model 848 von 1953: ein Koax-Horn, Frequenzgang immerhin 175-10000 Hz.
EV Model 848 von 1953: ein Koax-Horn, Frequenzgang immerhin 175-10000 Hz.

Der bis heute gebräuchliche Ausdruck „PA“ ist eine Abkürzung für „Public Address“ und meint ursprünglich die Flüstertüten für Durchsagen und Ansprachen in Hallen und auf ­öffentlichen Plätzen. Musiker aus der Rock‘n‘Roll-Ära nutzten diese normalerweise nur für den Gesang.

Bis in die 70er Jahre hinein bemühte man sich, möglichst viel Schall direkt von der Bühne zu bekommen und nur das durch die PA zu schicken, was sonst unter­zugehen drohte, wie etwa ein Piano oder den Gesang. So gab es lange nur bei Festinstallationen wie in Kinos Vollbereichs-Großbeschallungen. Relativ simple passive Weichen und Profi-Röhrenendstufen wie die bereits 70 Watt starke 1530T von Altec aus dem Jahr 1955 trieben das wirkungsgradstarke System an.

Die immer größer werdenden Spektakel in den 70ern brachten die Kultur mit den großen Verstärkern, Gitarren et cetera, die in den legendären Marshall-Türmen gipfelte. Hier liegt der Ursprung dessen, was wir ­heute unter einer Konzert-PA verstehen. Man baute erstmals nach dem noch improvisierten Vorbild der Woodstock-Anlage ­einen Stapel einzelner Horn­systeme mit mehreren Frequenzwegen modular zusammen. Das Stapeln ist dabei wörtlich zu nehmen und kulminierte in der „Wall Of Sound“ von Greatful Dead, die auf ihren Tourneen einen rund 15 x 10 Meter großen Lautsprecher-Stapel türmten und mit die ers­ten waren, die komplett alle Instrumente über die PA laufen ließen. Das war laut, klang aber vergleichsweise grausig.

Line-Array

Fliegendes Line-Array von Electro Voice.

An diesem Konzept änderte sich bis Mitte der 80er beinahe nichts. Man stapelte – in der Regel links und rechts von der Bühne – unterschiedlich große Hornsysteme hohen Wirkungsgrads. Transistorverstärker waren auf dem Vormarsch, aber die Leistung blieb begrenzt. Und Holz war eben billiger als Elektronik.

In den vergangenen 20 Jahren drehte sich das alles um. Seit den 90ern setzen die Beschallungsspezialsten auf mehr Chassis und mehr Leistung, auf aktive Ansteuerung und digitale Entzerrung. Hörner sucht man heute vergebens, allenfalls eine Andeutung als Schallführung. Das gilt auch für den Bass, der praktisch ausschließlich mit Bassreflexboxen bestritten wird.

Ein erstes Line-Array von 1986: Hörner gibt‘s nur noch im Mittelhochton.
Ein erstes Line-Array von 1986: Hörner gibt‘s nur noch im Mittelhochton.

Zur Kontrolle der Richtwirkung bei der Schallausbreitung nutzen heute nahezu alle Hersteller Array-Systeme. Die Reihe kompakter Lautsprecher sorgt ähnlich wie ein Flächenstrahler für vertikale Bündelung. Durch den Winkel und die Krümmung, mit der man das Array aufs Publikum ausrichtet, lässt sich exakt dosieren, in welche Richtung welcher Schalldruck verteilt wird. Im Gegensatz zu den Hornsystemen früherer Zeiten ist ein Konzert mit korrekt ­entzerrtem Array auf den vordersten Plätzen nicht lauter als in den hinteren Reihen.

Die neuesten, digital entzerrten Line-Arrays gehen noch ein paar Schritte weiter. So ein langes Array teilt man in drei Zonen: oben, Mitte und unten. Diese Zonen werden für unterschiedliche Hördistanzen, wo sie jeweils dominant zu hören sind, getrennt entzerrt, sodass nicht nur die Lautstärke, sondern auch die tonale Balance nah und fern der Bühne gleich bleibt. Die Ansteuerung geschieht heute ausschließlich aktiv, Weichen und Entzerrung sitzen im Signalweg, also vor den Endstufen. Bei einem größeren „Venue“, wie die Profis die Veranstaltungsorte heute neudeutsch nennen, kommen für komplexere PA-Systeme plus Bühnenmonitoring ganz fix mal 50 bis 100 Endstufen zum Einsatz.

Auch auf der Bühne selbst hat sich in den vergangenen 20 Jahren einiges verändert. Praktisch alle Instrumente werden heute durch die PA übertragen – riesige Bühnenverstärker braucht man nicht mehr. Wenn eine Rockband noch fette Marshall-Türme aufbaut, dann ist das in aller Regel reine Show; oftmals werden zur Gewichtsersparnis für den Transport nur noch Attrappen verwendet. Doch selbst kleine Amps und Lautsprecher auf der Bühne sind oft nur Deko.

Damit die Toningenieure maximal sauberen Sound in die Anlage bekommen, steht im Hintergrund oder unter der Bühne zum Beispiel der eigentliche Gitarrenverstärker in einem schall­isolierten Flightcase mit dem passenden Mikro. Damit der Musiker sich selbst und seine Bandkollegen spielen hört, baut man heute auch immer weniger individuelle Monitor-Lautsprecher auf die Bühne.

Der deutsche Bühnentechnik-Spezialist Dynacord stellte diese Beschallung für ein Konzert der Olympiade 1972.
Der deutsche Bühnentechnik-Spezialist Dynacord stellte diese Beschallung für ein Konzert der Olympiade 1972.

In der Regel gibt es eine zweite, kleine PA auf der Bühne. Oder die Musiker haben einen Knopf im Ohr. Letzteres nimmt immer mehr zu, denn auch hier gilt: Je weniger PA-Sound auf der Bühne zu hören ist, desto sauberer ist das, was die Mikros bekommen – und desto besser klingt es für das Publikum respektive auf der ­anschließenden DVD oder Blu-ray-Disc. Gerade Rock- und Jazzfans dürfte aufgefallen sein, wie viel besser die Livekonzert-Aufnahmen der letzten Jahre als Konserve klingen. Das liegt keineswegs – wie gerne diskutiert – an den höher auflösenden Tonverfahren wie DTS-HD und TrueHD, vielmehr genau an diesen Entwicklungen in der Beschallungstechnik.

Früher liefen die verkabelten Mikros in eine Verteilerbox,von dort führte ein Multicore-Kabel zum Mischer, dann ging es an die Endstufen, zu den Lautsprechern – und fertig. Heute endet das Mikro per Funk oder Kabel in einer Matrix. Von dort verteilt es sich auf PA-Mischer und Monitor-Mischer und gegebenenfalls auch auf einen Mehrspur-Recorder für eine Aufnahme. Vom PA-Mischer gelangt es wieder in eine Matrix für die Aktivweichen und die Entzerrung, beides in der Regel digital realisiert.

Danach erst geht es in die Line-Arrays und Subwoofer, alles fein highendig phasensynchron und Gruppenlaufzeit-entzerrt. Parallel wird in einem separaten Mixer das Monitoring-Signal für jeden einzelnen Musiker aufbereitet und in seine Ohrstöpsel oder die Bühnenmonitore übertragen. Solch ein komplexes Netzwerk zu beherrschen, erfordert bei großen ­Veranstaltungen sorgfältigste Planung und bei Festivals echte, reaktionsschnelle Profis.

Die Bühnentechnik hat ihren jahrzehntelangen Schlummer beendet und bewegt sich heute im Zeitraffertempo voran. Es wird äußerst spannend sein, zu beobachten, was sich von dieser technisch ausgefuchsten Profitechnik in die HiFi- und Heimkino-Anlagen der Zukunft übertragen wird.

 
x