Bild vergrößern
680
1016
http://img1.magnus.de/image-r680x1016-C-8df9c853-48418547.jpg
© Alex Schütz / Blanko
© Alex Schütz / Blanko
Interview
Hubert von Goisern: "Ich bin ein Langsamer"
Hubert von Goisern hat sich für die Interviews zu seinem neuen Album "Entwederundoder" in München eine kreative Kulisse ausgesucht: eine Reihe zum Abriss freigegebene pittoreske Kunstatelier-Häuser. Vor großflächigen, abstrakten Bildern lädt der 58-jährige Volksmusik-Rebell zum Gespräch. Wie immer blendend aussehend, optisch gut zehn Jahre jünger, dreht er Zigaretten, gibt wohl überlegte Antworten, wägt ab und denkt nach. Um dann über pubertierende Kinder, Schnupfen bei Nasenflötenspielern, Schokolade zum Wiener Schnitzel und über seine Unfähigkeit zum buddhistischen Leben zu sinnieren.
teleschau: In den Texten Ihres neuen Albums geht es viel um Vergänglichkeit: "Lebwohl", "Es is wias is", "Nit lang her". Sie werden nächstes Jahr 60, macht sich das in den Texten bemerkbar?
Hubert von Goisern: Nicht unbedingt. Ich war schon immer mit dem Tod beschäftigt, mit Sterben und Werden, war schon als Junge auf Friedhöfen. Diese Orte faszinierten mich, und ich habe schon oft Songs über Vergänglichkeit und Ende geschrieben. Aber vielleicht kann man für das Thema, weil es relevanter wird, jetzt leichter die Worte finden. Als Jugendlicher hat man ja noch so viele andere Dinge um sich herum. Ich bin schon mein Leben lang gut damit gefahren, mir die Vergänglichkeit des Augenblicks gewahr zu machen.
teleschau: Weil man ihn dann mehr genießt? Aber Buddhisten sagen ja, man soll nicht an die Zukunft denken, und daran, dass der Augenblick dann wieder vorbei ist. Man soll nur im Augenblick sein.
von Goisern: Das ist die große Vorgabe, aber es funktioniert für uns doch eigentlich nicht. Außerdem hat es etwas Beruhigendes, nicht nur im Jetzt zu sein, sondern zurückzublicken. Auf das, was man alles geschafft hat. Es ist gut, darüber nachzudenken, warum man überhaupt etwas gemacht hat, warum man einen Fuß vor den anderen setzt. Wenn man ganz im Hier und Jetzt ist, gibt es doch kein Ziel mehr. Ich hörte 1994 mit den Alpinkatzen auf, weil ich meiner Meinung nach alles erreicht hatte, was ich wollte und noch viel mehr darüber hinaus. Ich wollte zwei Jahre Pause machen, dann wurden es mehr als sechs. Ich war komplett wunschlos.
teleschau: Und glücklich?
von Goisern: Nein, mir fiel auf, dass ich eigentlich ganz unglücklich bin. Weil ich keine Ziele mehr hatte, keine Wünsche, keine Träume. Ich war wunschlos im Hier und Jetzt. Aber leider eben nicht glücklich. So habe ich widerwillig angefangen, zu planen, zu träumen. Davon, wieder auf die Bühne zu gehen.
teleschau: Sechs Jahre ohne Bühne: Brauchen Sie überhaupt das Publikumsfeedback für ihr Selbstbewusstsein?
von Goisern: Bestätigung ist etwas, ohne das ich mich sehr schwer tun würde. Ich bin schon auch ein Herdenwesen, ich bin gerne von Menschen umgeben und brauche deren Bestätigung, dass das, was ich mache und wie ich lebe, in Ordnung ist.
teleschau: Bei Ihrer Wirtshaustour traten Sie an extrem abgelegenen Orten auf, wo sonst nie Konzerte stattfinden. Kannte man Sie da? Haben die Bauern über die Verschandelung ihres Volksguts gemosert?
von Goisern: Die meisten kennen mich, in Österreich kommt man an mir nicht mehr vorbei. Was mich aber faszinierte war, dass über die Hälfte der Leute noch in gar keinem Konzert in ihrem Leben waren. Konzerte, das gab es in deren Dasein nicht! Aber sie haben es alle positiv aufgenommen.
teleschau: Wie ist es, wenn man dem Publikum so nah ist?
von Goisern: Wenn ich musiziere, hört mein Gesichtssinn auf zu existieren. Ich sehe das Publikum gar nicht. Das war auf der Wirtshaus-Tour nicht anders. Ich bekomme von außen nichts mit. Ich mag keine Leute anschauen, denn wenn ich jemand anschauen würde, zum Beispiel eine schöne Frau, dann könnte ich nur noch schauen und müsste aufhören zu spielen.
teleschau: Sie sind eben ein Mann ...
von Goisern: Noch nicht mal das in dem Moment! Meine Musiker sagen mir oft: "Boah, hast du die tolle Frau, den Hasen g'sehn in der ersten Reihe, direkt vor dir, die hat so guat ausg'schaugt." Und ich muss dann immer feststellen, dass ich sie nicht registriert habe. Schade eigentlich! (lacht)
teleschau: Sind Sie eigentlich ein Spätzünder? Mit 27 das Musikstudium, mit 30 Profimusiker, Ihr Erfolg kam in einem Alter, in dem andere schon wieder aufhören auf der Bühne zu stehen.
von Goisern: Ich bin ein Langsamer. (denkt lange nach). Jeder muss sein eigenes Tempo fahren. Damals hielten mich alle für verrückt, als ich mit 30 sagte: "So, jetzt bin ich Musiker!" Alle meinten, ich hätte es schon als Junger machen sollen, jetzt wäre es zu spät. Aber als ich jung war, hatte ich zu viel Angst. Erst mit 30 traute ich mich, mich an nichts anderem mehr zu orientieren, als an meinen eigenen Wünschen.
"Ich bin ein Langsamer"
1 von 3
Neues Album, danach eine ausgedehnte Tournee: Hubert von Goisern beschreibt sich selbst als "langsam", lange still sitzen kann Volksmusik-Rebell dennoch nicht.
© Alex Schütz / Blanko
teleschau: Womit haben Sie vorher Ihr Geld verdient?
von Goisern: Als Chemielaborant und als Skiverkäufer in Kanada, meine Exfrau war Kanadierin.
teleschau: Sie haben bereits in jungen Jahren die Welt bereist und viele ungewöhnliche Instrumente erlernt. Gibt es die philippinische Nasenflöte eigentlich wirklich?
von Goisern: Ja, die Nasenflöte gibt es.
teleschau: Was machen die Musiker, wenn sie Schnupfen haben?
von Goisern: Auf den Philippinen hat keiner Schnupfen. Es können nur noch ein paar ganz alte Leute dieses Instrument spielen. Und es stimmt: Ich bin viel gereist, aber das war das Gegenteil eines Jetset-Urlaubs. Nichts mit Pina Colada und weißen Stränden. Mich trieb die Neugier zu erfahren, was es sonst noch so gibt, welche Menschen, welche Ideen. Für mich ist Reisen eine so intensive Zeit, weil man irgendwo ist, wo einen keiner kennt. Man sieht sich völlig neu, mit anderen Augen. Es wird nichts in dich hineininterpretiert, du bist ein weißes Blatt. Ich bin nämlich so gestrickt, dass ich oft Dinge nicht tue, die ich tun wollte, nur weil andere sie von mir erwartet haben. Wenn niemand etwas von mir erwartet, dann fällt es mir leichter, Intentionen umzusetzen.
teleschau: Aber dafür sind Sie mit den Vorurteilen konfrontiert. Für Asiaten müssen Sie doch als Weißer mit langer Nase wirken, der Sauerkraut isst und noch dazu den ganzen Tag jodelt ...
von Goisern: Ja, aber das finde ich spannend. Denn es ist doch schön, wenn diese Projektionen auf dich geworfen werden. Dann fällt es mir leicht zu sagen: "Da machst du es dir aber schon einfach, oder?" Ich habe ja auch genug Afrikaner erlebt, die überhaupt kein Rhythmusgefühl haben. Auch ich musste mich von meinem Vorurteil verabschieden, dass alles groovt, was aus Afrika kommt.
teleschau: Ihre Musik wurde durch diese Reisen aber nicht beeinflusst: Sie spielen Rock, Jazz, Blues, Volksmusik - und das war's.
von Goisern: Bewusst! Ich lehne das ab. Ich finde es schlimm, wenn jemand sagt, er macht Weltmusik, dann den Gesang einer Inuitfrau, eine afrikanische Trommel, eine indische Sitar nimmt und dann das Ganze zusammensampelt. Das ist keine Weltmusik, sondern Allerweltsmusik. Ich mag dieses Regionale. Ich sehe auch nicht ein, warum man eine perfekte Speise wie das Wiener Schnitzel mit Schokolade garnieren soll. Ich mag ja auch in Afrika keine österreichisch inspirierte Musik hören, sondern afrikanische. Meine musikalischen Zusammenkünfte haben immer eine Vorgeschichte einer persönlichen Zusammenkunft. Ich reise nur noch, um Begegnungen zu suchen.
teleschau: Bei all den Reisen, wo und wie leben Sie jetzt?
von Goisern: In einem großen Haus mit drei Seiten, hufeisenförmig.
teleschau: Ein alter Hof?
von Goisern: Nein, neu.
teleschau: Eigentlich kann man sich Sie nur in einem alten Hof vorstellen ...
von Goisern: Da spielte meine Familie nicht mit. Denn alte Höfe findet man nur weit auf dem Land. Meine Familie wollte aber in der Nähe der Stadt bleiben. Sie sagten mir, dass ich ja immer unterwegs bin und immer große Städte um mich habe, sie aber das ganze Jahr dann im Nirgendwo wohnen müssen, nur damit ich mich in den Tourpausen auf dem Land ausruhen kann. Deshalb bauten wir bis 2004 ein neues Haus, in der Nähe von Salzburg.
teleschau: Sie sind immer noch mit Ihrer dritten Frau verheiratet ...
von Goisern: Immer noch. Mein Bub ist jetzt 23, davor musste ich sie ja fünf Jahre lang davon überzeugen, dass ich der richtige Vater für ihre Kinder bin. Unsere Tochter ist 17.
teleschau: Wie gehen Sie mit Ihrer pubertierenden Tochter um?
von Goisern: Darüber rede ich nicht. Nur so viel: Es ist heftig, aber auch eine gute Inspiration.
teleschau: Gibt Ihnen Ihre Familie musikalische Tipps?
von Goisern: Das Studio daheim ist offen, sie können jederzeit rein. Aber sie tun es nicht. Sie hören es erst, wenn es fertig ist. Meiner Frau ist das alles zu nah, womit ich mich abquäle. Sie ist Pädagogin und arbeitet an der Uni in Salzburg in der Lehrerbildung. Sie hat einen spannenden Beruf und ist darin sehr, sehr gut.
teleschau: Keine von den Frauen, die hinter ihrem Mann stehen, wenn er im Studio an den Knöpfen dreht?
von Goisern: Nein, sicher nicht!
teleschau: Was wären Sie geworden, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?
von Goisern: Irgendetwas in der Natur. Vielleicht Hüttenwirt! Da würde ich aber alle Schilder abmontieren, damit mich keiner findet (lacht).
teleschau: Sie suchen die Einsamkeit der Natur, um neue Kraft zu tanken ...
von Goisern: Ja, immer. Wandern, in die Berge gehen, Fahrrad fahren. Ich hatte der Natur gegenüber ein schlechtes Gewissen, wegen meines Stromverbrauchs. Jetzt nutze ich Sonnenenergie fürs Studio. Mir könnten sie inzwischen Strom, Gas und Wasser abdrehen und es würde an meinem Leben nicht viel ändern.
Hubert von Goisern auf Deutschland-Tournee:
22.01.2012, Tuttlingen, Tuttlinger Hallen
23.01.2012, Lörrach, Burghof
24.01.2012, Kaiserslautern, Kammgarn
02.02.2012, Kempten, Big Box
03.02.2012, Landshut, Eskara Halle
05.02.2012, Karlsruhe, Tollhaus
06.02.2012, Stuttgart, Liederhalle
07.02.2012, Frankfurt, Jahrhunderthalle
08.02.2012, Leipzig, Haus Auensee
10.02.2012, Dresden, Alter Schlachthof
11.02.2012, Magdeburg, Altes Theater
12.02.2012, Erfurt, Stadtgarten
10.03.2012, Köln, E-Werk
11.03.2012, Hannover, Capitol
12.03.2012, Berlin, Admiralspalast
13.03.2012, Bielefeld, Ringlokschuppen
15.03.2012, Hamburg, Docks
16.03.2012, Bremen, Pier 2
17.03.2012, Mülheim, Ringlokschuppen
13.04.2012, Passau, Dreiländerhalle
14.04.2012, Ulm, Ratiopharm Arena
18.04.2012, Nürnberg, Meistersingerhalle
19.04.2012, Mannheim, Rosengarten
20.04.2012, Regensburg, Donau Arena
21.04.2012, München, Circus Krone