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Der Ton Macht's Geheimnisse der Tontechnik - Volume 1

Die Kunst des Abmischens von Musikaufnahmen kombiniert technisches Know-How mit einer ordentlichen Portion Kreativität. Gewusst wie, lautet hier die Devise. Und genau dieses Wissen werden wir in einer neuen Serie enthüllen – und ein paar weniger bekannte Tricks dazu ...

und schnitt: Bei Aufnahmefehlern (oder wenn zwei Takes miteinander verbunden werden mussten) arbeiteten Tontechniker früher mit einer Schere und etwas Tesafilm.
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und schnitt: Bei Aufnahmefehlern (oder wenn zwei Takes miteinander verbunden werden mussten) arbeiteten Tontechniker früher mit einer Schere und etwas Tesafilm.

Bevor es jedoch richtig los gehen kann, steht in Folge 1 die Geschichte der Aufnahmetechnik im Mittelpunkt – das soll helfen, die Zusammenhänge und Grundlagen der Tonaufzeichnung besser zu verstehen. Viele der Verfahren, die bereits vor Jahrzehnten benutzt wurden, kommen auch heute noch zum Einsatz.

Erste Tonaufnahmen und der Phonograph

Die erste bekannte Tonaufnahme ist die eines französischen Folkloreliedes, die Edouard-Leon Scott de Martinville im Jahr 1857 machte. Er nutzte dazu eine "Phonautograph" genannte Maschine, welche die Wellenform des Klanges mittels einer Feder auf ein Stück Papier übertrug. Diesen Klangabdruck wollte er anschließend mit einem zweiten Gerät "scannen" und wiedergeben. Leider fehlte für die Rückverwandlung dieser Schallabbildung damals das nötige Wiedergabegerät. Heute ist das kein Problem mehr – und Martinvilles Aufnahme kursiert längst auch im Internet.

Handarbeit: Edisons Phonograph wurde durch Betätigen einer Kurbel bewegt. Die Wachszylinder wurden in luft- und lichtundurchlässigen Blech-Röhren verkauft.
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Handarbeit: Edisons Phonograph wurde durch Betätigen einer Kurbel bewegt. Die Wachszylinder wurden in luft- und lichtundurchlässigen Blech-Röhren verkauft.

Thomas A. Edison erfand 1878 dann den "Phonographen". Er nahm damit das Kinderlied "Mary Had A Little Lamb" auf – was wenig später auch die erste verkaufte "Single" der Musikgeschichte werden sollte. Das Gerät zeichnete direkt auf einen Wachszylinder (später Zinn) auf, wobei eine Nadel je nach Schalldruck eine unterschiedlich tiefe Rille durch das Wachs zog. Größter Nachteil dieses Systems war, dass man von einem Master-Zylinder maximal acht Kopien ziehen konnte, bevor dieser unbrauchbar wurde. Zudem ließ mit jeder Kopie die Klangqualität drastisch nach – Pech also für denjenigen, der eine der letzten Kopien erwischte.

Abhilfe brachte 1887 das klanglich leicht unterlegene "Gramophone" von Emil Berliner, das den Ton nun auf flache Schellack-Platten aufzeichnete. Diese konnten beliebig oft und in gleichbleibender Qualität vervielfältigt werden – der entscheidende Grund, weswegen Berliners System sich gegenüber Edisons Idee durchsetzen konnte.

Alle bisher erwähnten Maschinen basieren auf dem Prinzip der "akustischen Aufnahme". Die Musiker mussten sich so nah wie möglich vor einem riesigen Horn aufstellen. Der Schall wanderte durch dieses bis zur Aufnahme-Nadel, die direkt den Wachszylinder beziehungsweise
die Schellack-Masterplatte beschrieb.

Technische Meilensteine durch Bell Labs und AEG

spulen-urviech: AEG entwickelte die 1935 vorgestellte Bandmaschine ständig weiter – Zwei-Kanal-Aufnahmen waren bereits ab 1943 möglich. Die ersten Ampex- Geräte basierten auf diesen Maschinen.
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spulen-urviech: AEG entwickelte die 1935 vorgestellte Bandmaschine ständig weiter – Zwei-Kanal-Aufnahmen waren bereits ab 1943 möglich. Die ersten Ampex- Geräte basierten auf diesen Maschinen.

Das sollte sich erst Anfang der 20er Jahre ändern: Die amerikanischen Bell Labs erfanden 1916 das Kondensator-Mikrofon, und "elektrische Aufnahmen" setzten sich langsam durch. Ein weiterer Technik-Meilenstein gelang 1935, als die Firma AEG die Tonbandmaschine ("Magnetophone") auf den Markt brachte. Ständig weiter entwickelt, konnte man mit ihr
bereits 1943 Stereo-Aufnahmen herstellen. Genau solch ein AEG-Stereo-Gerät brachte der amerikanische Armee-Funker John T. Mullin nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hause zurück und konnte den Entertainer Bing Crosby dafür begeistern. Crosby sah sofort das Potenzial dieser
Technik – ließen sich Sendungen doch von nun an vor ihrer eigentlichen Ausstrahlung aufnehmen. Er investierte 50.000 Dollar und gründete mit Mullin die Firma Ampex, die binnen kürzester Zeit zum Marktführer aufsteigen sollte.

Action: Les Paul prodzierte in den 50er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Mary Ford Hits am laufenden Band. Im Jahr 1954 gelang ihm die erste 8-Spur-Aufnahme mit einer von ihm modifizierten Bandmaschine.
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Action: Les Paul prodzierte in den 50er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Mary Ford Hits am laufenden Band. Im Jahr 1954 gelang ihm die erste 8-Spur-Aufnahme mit einer von ihm modifizierten Bandmaschine.

Lester Polfus ("Les Paul"), ein guter Freund Crosbys, bekam von Ampex Anfang der 50er Jahre eine 2-Spur-Maschine, die er nach seinen Vorstellungen immer wieder modifizierte. Der Mann, der kurz zuvor die legendäre, nach ihm benannte E-Gitarre erfand, wusste genau, was er tat: Bereits 1954 (!) präsentierte er die erste Bandmaschine, mit der 8-Spur-Aufnahmen möglich waren. Eine abgespeckte Version brachte Ampex wenig später in Form eines 3-Spur-Gerätes auf den Markt, das für viele Jahre der Industriestandard werden sollte. Alle großen Meister der Tontechnik in den USA wie Phil Spector (Motown), Tom Dowd (Atlantic) und Jim Stewart (Stax) arbeiteten bis Anfang der 60er Jahre damit.

Von 4-Spur-Bandmaschinen und 24-Kanal-Workstation "MFX2

George Martin von den Abbey Road Studios hingegen musste sich lange Zeit mit zwei Kanälen begnügen. Das führte in Europa zum "Mix-Down"-Verfahren, bei dem die Aufnahmen mehrfach zusammengeführt werden mussten, um Kanäle einzusparen. Selbst 1967 noch hatte der "Fünfte Beatle" bei der Aufnahme von "Sgt. Peppers" nur vier Spuren zur Verfügung, was für die umfangreichen Bläser und Streichersektionen dieser Musik bei weitem nicht reichte. So entstand der Pop-Klassiker über mehrere, aneinander gekettete 4-Spur-Bandmaschinen.

Hautnah: Die Aufstellung der Musiker bei akustischen Aufnahmen war anders als bei Konzerten: Leise Instrumente (teils mit zusätzlichem Verstärkungs-Horn) wurden näher an den Schall-Trichter positioniert.
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Hautnah: Die Aufstellung der Musiker bei akustischen Aufnahmen war anders als bei Konzerten: Leise Instrumente (teils mit zusätzlichem Verstärkungs-Horn) wurden näher an den Schall-Trichter positioniert.

Die nächste wichtige Erfindung kam aus dem Land der aufgehenden Sonne: Nippon Columbia (heute: Denon) stellte 1972 das erste digitale Aufnahmesystem vor. Fortan machte die Entwicklung riesige Sprünge: Sony präsentierte 1982 die CD (Red Book), wodurch sich auch die Studio-Technik verbessern musste. 1991 kam die 24-kanalige Workstation "MFX2" von Fairlight SP auf den Markt, im selben Jahr stellte Digidesign die erste Version des Computerprogrammes "ProTools" vor. Die Software veränderte in den letzten Jahren den Studio-Alltag drastisch und kann heute 192 Spuren gleichzeitig aufnehmen und wiedergeben.

Ab der nächsten Folge untersuchen wir bekannte Meilensteine der Musikproduktion und lüften einige ihrer Geheimnisse.

 
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