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Interview
Charlotte Gainsbourg - Vom Flüstern und Tasten
Nach dem verträumten "5:55" (2006) und dem rhythmisch flackernden Nachfolger "IRM" (2009) bringt der spät berufene Rockstar Charlotte Gainsbourg nun ein Live-Album heraus. Auf dem glänzen jedoch vor allem unveröffentlichte Reste ihrer erfolgreichen Kooperation mit Pop-Chamäleon Beck. Zudem stellen sich in weiteren neuen Songs ihre zukünftigen Liedautoren vor.
Nicht auch selbst komponieren zu können, so wie ihr Vater, das Chanson-Enfant-terrible Serge Gainsbourg, frustriert die 40-jährige Sängerin und Schauspielerin ("Melancholia") inzwischen nicht mehr. Vielleicht ist auch einfach ihre Zeit für künstlerische Selbstzerfleischung weniger geworden. Charlotte Gainsbourg brachte im letzten Sommer ihr drittes Kind zur Welt.
teleschau: Ihr neues Album besteht zur Hälfte aus Live-Material, sogar eine DVD mit Auftritten Ihrer Tour liegt bei. Sie haben oft erzählt, wie unwohl Sie sich auf der Bühne fühlen - und nun das!
Charlotte Gainsbourg: Viele dieser Ängste hatten mit meinen Erfahrungen vom Album "5:55" zu tun. Damals wollte ich gerne Konzerte zum Album geben. Ich dachte intensiv darüber nach und ließ es dann doch bleiben. Weil mich die Idee so nervös machte. Die Arbeit mit Beck für "IRM" hat jedoch viel verändert. Er bestärkte mich darin, es zu versuchen. Wir begannen also an Live-Versionen von Songs wie "Trick Pony" zu arbeiten - alles eher rhythmische, dynamische Songs. Mit dieser Art Songs, die richtig Energie transportieren, fühlte ich mich plötzlich wohl auf der Bühne.
teleschau: Und Sie waren so zufrieden mit dem Ergebnis, dass Sie gleich ein Live-Album herausbringen wollten?
Gainsbourg: Ich bin niemals zufrieden. Ehrlich gesagt, die Idee kam von der Plattenfirma. Weil wir so viel Material auf der Tour gesammelt hatten, fanden sie, man solle etwas damit machen. Ich bekam auch plötzlich Lust, eine Art Dokumentation dieser Tour zu veröffentlichen. Allerdings widerstrebt es mir, ein rein vergangenheitsbezogenes Album herauszubringen - deshalb befinden sich auch neue oder unveröffentlichte Songs auf "Stage Whisper". Da arbeite ich zum Beispiel mit Noah And The Whale oder Conor O'Brien von The Villagers zusammen.
teleschau: Die meisten Musiker sind auf ihrer ersten großen Tour noch sehr jung - es ist für sie ein emotionaler Ausnahmezustand. Wie fühlte es sich für Sie an, das Leben eines Rockstars zu führen?
Gainsbourg: Ich war damals 38 Jahre alt, und es war schon seltsam, diese neue Erfahrung in diesem Alter zu machen. Ich dachte vor allem darüber nach, dass junge Musiker in diesen Prozess hineinwachsen können, sie dürfen Fehler machen. Zum Jungsein gehört es dazu, dass einem so etwas nichts ausmacht. Und auch die Umwelt verzeiht dir deine Fehler. Bei mir waren die Erwartungen anders. Ich musste in wenigen Monaten lernen, eine gute Rockshow auf der Bühne abzuliefern. Trotzdem bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung. Aufgrund meines Alters konnte ich alles, was da passierte, auch viel mehr genießen. Ich wusste, wie wertvoll diese Zeit ist.
teleschau: Werden Sie wieder auf Tour gehen?
Gainsbourg: Ich bin zuversichtlich, dass ich es wiederholen werde. Ich habe wirklich Lust drauf und glaube, dass eine nächste Tour für meinen Kopf weniger anstrengend wird. Ich würde gerne lockerer an ein solches Projekt herangehen. Beim letzten Mal war alles mehr oder weniger Becks Konzept. Ich spielte mit seinen Musikern und alle Ideen für die Live-Shows mussten mit ihm abgestimmt werden. Ich freue mich drauf, beim nächsten Mal unabhängiger und freier auf der Bühne zu agieren - das wäre mein Plan.
teleschau: Da Sie selbst bislang keine Songs schreiben, sind Sie auf musikalische Partner angewiesen. Sind Sie manchmal frustriert davon, kein Songwriter zu sein?
Gainsbourg: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich darüber schon verzweifelt war. Aber - es geht einfach nicht. Alles, was ich kann, ist ein Thema oder Gefühle zu beschreiben, die ich in einem Song ausdrücken will. Doch sowie ich damit anfange, etwas aufzuschreiben, geht es schief. Ich schäme mich dafür. Gerade deshalb, weil mein Vater so ein Genie war, was Texte betrifft. Diese Tatsache hat meine eigene Messlatte natürlich auch sehr hoch gelegt.
Vom Flüstern und Tasten
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Schauspielerin, aber als Sängerin keine Rampensau: Auf ihrem neuen Album "Stage Whisper" schließt Charlotte Gainsbourg Frieden mit ihrer Bühnenangst.
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teleschau: Glauben Sie, dass Sie irgendwann Texte schreiben werden?
Gainsbourg: Ich habe gerade das Gefühl, dass ich niemals dazu in der Lage sein werde. Ich mag es allerdings sehr, was andere Leute für mich schreiben. Sehen Sie, mein Grundgefühl ist erst mal Enttäuschung, dass ich es selbst nicht kann. Wenn ich aber lese und höre, was Beck oder Jarvis Cocker auf "5:55" für mich geschrieben haben, macht mich das sehr glücklich. Irgendwann fühlt es sich an, als hätte ich mir ihre Worte erobert, sie mir einverleibt. Dann ist es fast so, als hätte ich sie selbst geschrieben.
teleschau: Haben Sie Gedichte geschrieben, als Sie jung waren - oder sich an einem Drehbuch versucht?
Gainsbourg: Nein, auch das nicht. Ich habe versucht, Gedichte zu schreiben, als ich sehr jung war - aber immer ziemlich schnell damit aufgehört. Ich schrieb jedoch immer Tagebuch. Das habe ich aber immer sehr alltäglich gehalten. Es gibt keinerlei Ästhetik in meinen Texten.
teleschau: Ihr Album heißt "Stage Whisper". Tatsächlich wirken Sie als Sängerin besonders stark, wenn Sie flüstern. Ist es schwer, Gefühle - und darum geht es in einem Popsong - im Flüsterton zu transportieren?
Gainsbourg: Gefühle lassen sich so am besten transportieren, wie du sie in deinem Herzen oder Kopf empfindest. Manchmal bedeutet es zu flüstern. Manchmal ist es besser für dich zu schreien. Sie haben aber recht - ich mag es, wenn ich einen Song flüstern kann. Für mich bedeutet es, dass ich Zeit habe, in ein Lied hineinzufinden. Flüstern ist ein bisschen wie tasten. Das passiert natürlich meist bei den langsamen Songs - so wie in meiner Version von Bob Dylans "Just Like A Woman". Bei einem langsamen, geflüsterten Song, habe ich das Gefühl, eine Geschichte erzählen zu können. Das mag ich persönlich sehr gerne. Weshalb ich wohl auch Schauspielerin geworden bin.
teleschau: Die ersten beiden neuen Stücke des Albums "Terrible Angels" und "Paradisco" sind hart und rhythmisch, fast schon Dance Tracks für einen Underground Club. Tanzen Sie eigentlich gerne?
Gainsbourg: Nein, ich habe nie gerne getanzt. Aber ich mag es, Dinge auszuprobieren. Gerade dann, wenn sie mir selbst sehr fremd sind. Natürlich gibt es irgendwo tief in mir drin diese expressive Seite. Eine, die alles, was da drin liegt, wild und frei mit dem Körper ausdrücken will. Das ist ja auch das Gute an der Schauspielerei - da darf ich genau dies herausarbeiten.
teleschau: Sie sind also niemals - selbst als Sie jung waren - in Clubs zum Tanzen gegangen?
Gainsbourg: Sehr selten. Als ich sehr jung war, musste ich unheimlich betrunken sein, um in der Lage zu sein zu tanzen.
teleschau: Ihre älteren beiden Kinder sind 14 und neun Jahre alt. Hören die sich die Musik ihrer Mutter an?
Gainsbourg: Sie hören die Musik, während ich selbst damit beschäftigt bin. Aber ich bin nicht Teil dessen, was sie sich ansonsten anhören. Nein, meine Kinder kümmern sich nicht weiter um die Musik, die ich mache. Und das finde ich auch ganz gut so.
teleschau: Sie spielen die neuen Songs also nicht bewusst Ihren Kindern vor?
Gainsbourg: Ich erinnere mich daran, als ich mein erstes Album machte, dass mein Sohn fragte, warum ich so viel weg bin. Ich erklärte ihm, dass ich gerade Musik mache und ein paar Lieder aufnehme. Dann fragte ich ihn, ob er sie hören wolle. 'Nee, ist schon okay", meinte er. Er wollte nur wissen, wann ich wieder da bin (lacht).
teleschau: Wie ist es mit Ihren Filmen - wollen Ihre Kinder die sehen?
Gainsbourg: Eigentlich ist es mit den Filmen nicht anders als mit der Musik. Es interessiert sie kaum, was ich mache. Darüber bin ich noch erleichterter als es bei der Musik der Fall ist. Stellen Sie sich nur mal einen Film wie "Antichrist" vor - von dem muss ich meine Kinder so lange wie es geht fernhalten.
teleschau: Sie sind nun 40 Jahre alt. Fühlen Sie sich heute selbstbewusster in dem, was sie tun? Wenn Sie das beispielsweise mit der Zeit vor zehn Jahren vergleichen...
Gainsbourg: Ich kann heute auf jeden Fall leichter loslassen und habe nicht mehr so oft das Gefühl, etwas zu verpassen. Die Tatsache, dass ich keine eigene Kunst wie Texte, Musik oder Filme produziere - das hat mich früher wirklich fertig gemacht. Heute kann ich viel entspannter damit leben, Dinge zu interpretieren, sie als Medium zu durchleuchten. Ich kann heute sehr viel selbstbewusster behaupten: Ja, ich bin eine Schauspielerin. Ja, ich singe, auch wenn ich keine großartige Stimme habe. Ja, ich stehe auf der Bühne - auch wenn ich keine tolle Performerin bin.
teleschau: Sie sind im letzten Sommer zum dritten Mal Mutter geworden. Woher nehmen Sie die Zeit, all diese Dinge zu vereinbaren: Familie, Filme und Musik?
Gainsbourg: Die Zeitfrage ist mit dem dritten Kind tatsächlich zu einem fast unlösbaren Problem geworden (lacht). Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher ich die Zeit nehmen soll. Seit ich das Baby habe, will ich vor allem zu Hause sein. Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, dass die Jahre ins Land gegangen sind und ich gar nicht viel von meinen Kindern mitbekommen habe. Die Kinder kommen an erster Stelle. Trotzdem möchte ich meine Arbeit nicht aufgeben. Ich gehe davon aus, dass ich in Zukunft länger brauchen werde, um Projekte fertigzustellen. Und ich werde noch wählerischer sein müssen - auch bei Filmen, die ich drehe oder eben ablehne.