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Die ideale Anlage "Boxen Gross": Musik vom Kiez

Berlin Oranienplatz: Wo einst die Mauer stand und die Berliner Subkultur tobte, versucht heute Siggi Woerner, seine eigene Kultur an den Mann zu bringen: Musik. 1992 startete er seinen eigenen HiFi-Laden "Boxen Gross".

© Archiv/Hersteller

Als 1989 die Mauer fiel, war Siegfried Woerner schon in der Stadt, hatte aber mit HiFi noch nicht viel am Hut. Er widmete sich vor allem der Beschallung von Musik-Events, Läden und Theatern - eine Passion, die ihn auch heute noch bewegt und die ihm einiges an Knowhow bezüglich Akustik in den verschiedenartigsten Räumen einbrachte.

Dieses Wissen kommt ihm noch mehr gelegen, seit er (Start 1992) seinen eigenen HiFi-Laden - den Boxen Gross - betreibt. Obwohl der Name mehr Fülle verheißt, konzentriert sich Woerner auf die kleineren Modelle weniger Marken, mit denen er im Laufe seines langen Umgangs mit Lautsprechern die besten Erfahrungen gemacht hat. Heißt vor allem: Dynaudio, Cabasse, Audium.

Musik vom Kiez © stereoplay
Musik vom Kiez

Die Kombination

Für stereoplay hat Woerner eine Anlage zusammengestellt, die im ersten Moment überrascht: im Verstärker-Bereich Vollverstärker plus Vorstufe. Wer macht denn so was? Einer, der sich im Ayon-Programm bestens auskennt. Denn die S3 ist nicht nur ein exzellenter Streamer; ihre Vorstufen-Sektion überzeugt klanglich derart, dass sie die Vorstufe des grandiosen Vollverstärkers Spirit III glatt übertrumpft. Und da man den Verstärker über seine Festpegeleingänge auch als reine Endstufe einsetzen kann, geht die Rechnung am Ende doch auf. Siggi Woerner: "In der Preisklasse unter 10.000 Euro kenne ich keine vergleichbare Kombi."

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Die Lautsprecher

Die Audium-Modelle der Comp-Serie arbeiten allesamt mit einem Subwoofer (im Sockel) und einem Breitbänder für den Mittelhochtonbereich - was der alte Lautsprecher-Fuchs Woerner keineswegs als Rückschritt, sondern für die meisten Hörsituationen als äußerst hilfreich ansieht: "Audium-Boxen sind wegen der Bündelung im Mittelhochton auch für hallige, wenig möblierte Räume perfekt. Das Ergebnis, das ich hier in meinem Studio den Leuten vorführe, bekomme ich deshalb auch bei schwieriger Wohnakustik hin."

Die Kombination mit den Ayon-Röhren funktioniert ebenfalls ideal. Audium-Chef Frank Urban hat früher selbst Röhren unter diesem Label entwickelt und weiß genau, wie ein Lautsprecher für Röhren optimiert werden muss. Bei der Comp 8 wurde exakt das gemacht: keine zu starken Impedanz-Schwankungen sowie ein ordentlicher Wirkungsgrad.

Die Quellen

Der Ayon S3 ist dank eingebautem Wandler auch für Musik vom Rechner offen - am liebsten Hochbit natürlich. Ein Rechner mit Festplatte voller feinster Aufnahmen steht im Büro und speist den S3. Wie kommt das Signal zur Vorstufe? "Per Netzwerkkabel, per Blutooth, zur Not auch über das Stromnetz", sagt Woerner. Und die Modulation des Stromnetzes durch das aufgespielte Signal? "Na, dann darfst du aber erst recht keine Energiesparleuchte einschalten; die beeinflusst den Sinus sichtbar," wischt er den Einwand beiseite. Die Anwahl geschieht über ein iPad, und Woerner braucht einige Zeit, bis er die genehmen Titel in den verschiedenen Ordnern gefunden hat. Aber dann läuft alles tadellos.

Das gilt natürlich auch für sein eigentliches Steckenpferd, das Analoge. Woerner macht viel Umsatz mit Pro-Ject und Rega, doch vor allem Linn hat es ihm angetan: "Ich verkaufe den LP 12 in allen Varianten, von 3000 bis 21.000 Euro."

In dieser Anlage hat er sich für die kleinste Version entschieden, den Majik, der über jeden Zweifel erhaben ist und über den auch stereoplay schon viele Worte des Lobes verloren hat. Der Linn Majik spielt in der Verbindung mit der Trichord-Phonostufe Dino II - ein anpassbarer Phono-Preamp, den man je nach Bedarf mit den hauseigenen Netzteilen noch aufrüsten kann. Siggi Woerner: "Das ist unser Geheimtipp für Phonofreunde. Ich kenne nichts, das um 500 Euro mehr auf den Punkt spielt als der Dino II."

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Das Zubehör

Hier setzt man auf bewährte Komponenten - zum Beispiel die Energia-Stromleiste RC 3/1 von HMS. Der Boxen Gross ist eine der Stationen der "Langen Nacht der Ohren", einer großartigen Aktion der Berliner Händlerschaft, bei der Musikfreunde via Shuttle-Service in diverse Läden reinschnuppern und die unterschiedlichsten Anlagen hören können. "Gerade diejenigen Leute, die nicht so viel mit HiFi-Technik zu tun haben, machen hier oft ganz lange Ohren, weil das Stromnetz von Berlin doch reichlich verschmutzt ist. Die Energia sorgt für viel mehr Ruhe." Mit der Steckdosenleiste meint Woerner, auch das grüne Gewissen besänftigen zu können: "Man kann alles auf einmal ausschalten. Hier geht das, weil Röhren keine so lange Einspielzeit wie Transistoren brauchen; nach einer halben Stunde sind sie voll da."

Auch was die Kabel angeht, hat Woerner mit Netzwerkprofi Andree Dölle ausgiebige Versuche gemacht und dabei auch teuerste Verbindungen ausprobiert, um letztlich bei dem relativ schlichten LS 16 von Silent Wire (1000 Euro / 3 Meter) zu landen: "Gerade die großen Kästchen-Kabel klingen an Röhren oft viel schlapper."

Die Aufstellung

Die Anlage steht auf einer soliden Basis, dem Solid Tech "Rack-of-Silence", einem Metallregal, das - vergleichbar dem Spider von Finite Elemente - ohne Einlegeböden auskommt. "Ich habe schon einiges an gar nicht so günstigen Racks im Laden gehabt, da klangen die Geräte eindeutig schlechter drauf. Den Untergrund hört man immer, und beim Rack-of-Silence gibt es eben keine mitschwingenden Böden", erklärt Woerner die Klangsteigerung. "Die Geräte schweben quasi in der Luft."

Das Rack mit der Anlage sollte dabei möglichst nicht genau zwischen den Boxen stehen, mahnt Woerner: "Die Röhren sind körperschallempfindlich, und genau zwischen den Boxen koppeln die Bässe - da entsteht in der Regel ein hoher Bass-Schalldruck." Sein Tipp: Entweder das Rack asymmetrisch zwischen den Boxen oder, noch besser, einen Meter hinter den Lautsprechern aufstellen.

Der Klang

In den versteckten Ordnern der Festplatte warteten etliche klanglich-musikalische Highlights - darunter einige von LP auf 24 Bit/192 kHz gezogene Aufnahmen. Zum Beispiel das immer noch packende "Mediterranian Sundance" von Al Di Meola. Die Anlage von Boxen Gross meisterte die Aufgabe fast mühelos: Die Gitarren-Anrisse kamen sehr schnell, perlend, und die Instrumente waren präzise im Raum positioniert. Der Zuhörer saß dicht dran. Das war aufregend gut, aber nie nervend.

Oder Paul Simon, "Homeless", ebenfalls von Platte (Japan-Pressung) auf Hochbit gezogen. Was verblüffte, war die enorme Ausdrucksstärke in den Stimmen. Woher nimmt der kleine Breitbänder diese Kraft? Dass er so punktgenau abbilden würde, das war zu erwarten. Aber diese fein- wie grobdynamischen Fähigkeiten verblüfften dann doch.

Auch im Bass spielte die Kombination aus Comp 8 plus Röhren-Endstufe schlanker und genauer als erwartet; dann wieder, wenn es gefordert war, immens wuchtig und kraftvoll (Pink Floyds "The Final Cut"). Doch das große Ganze, die Harmonie, die diese Anlage in die Musik zaubert, kam womöglich mit Sophie Hungers "Walzer für Niemand" am eindrucksvollsten zum Tragen: Das Xylofon stand wie echt im Raum; spielerisch leicht folgten die Treiber den Anschlägen auf den einzelnen Harthölzern. Und das Geschehen hatte absolut nichts mit den Lautsprechern zu tun - das dreidimensionale Klangbild schien gänzlich losgelöst.

Final überzeugt hat mich dann Herbie Hancock, mit "River: The Joni Letters". Eine grandiose Scheibe, grandios aufgenommen. Oder klang es hier einfach nur so gut? Ich konnte mich kaum losreißen und hätte noch den ganzen Abend hören können.

Die Protagonisten im HiFi-Verkauf: Analog-Spezialist und Ladenchef Siegfried Woerner (links) mit Netzwerkprofi André Dölle.
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Die Protagonisten im HiFi-Verkauf: Analog-Spezialist und Ladenchef Siegfried Woerner (links) mit Netzwerkprofi André Dölle.

Die Quintessenz

Unterm Strich eine Darbietung, die mitreißt, ohne zu nerven. Alles sehr harmonisch-sauber und doch enorm feindynamisch. Eine Kombination, an die man nicht auf Anhieb denkt, die aber auf Anhieb überzeugt.

Beim gar nicht so großen Boxen Gross findet man ein engagiertes Team von Leuten, die ganz offenkundig ein Händchen für herausragend feine Anlagen haben - und die dank ihrer Erfahrungen im Beschallung- Bereich auch mit schwierigen Raumproblemen fertig werden.

Die Audium/Ayon-Anlage jedenfalls spielte so überzeugend, dass stereoplay die Comp 8 in der nächsten Ausgabe testen wird. Den Spirit III und den S3 haben wir als Arbeitsgeräte der Redaktion im Dauereinsatz. Da müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein ähnlich gutes Ergebnis zustande brächten.

 
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