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stereoplay Konzertsäle Bergenz – Top-Klang vor Großer Kulisse

Die Beschallungsanlage der Bregenzer Festspiele ist kaum zu überbieten: erst recht angesichts der einmaligen Kulisse.
Seebühne Bregenz © Bregenzer Festspiele, Achim Mende, Dietmar Mathis, andereart

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Das menschliche Ohr ist ein hochpräzises Instrument. Es verhilft uns dazu, auf wenige Grad genau einzelne Signale ihrem Ursprungsort zuzuordnen. Bei Konzerten mit vielen Mikros und noch mehr Lautsprechern könnte man diese Fähigkeit allerdings getrost zu Hause lassen. Denn ganz gleich, ob ein Sänger nun rechts auf der Bühne oder in deren Mitte singt – stets hört man ihn über alle Lautsprecher gleich laut und ohne Richtungseindruck. Schön ist das nicht. Aber kann man es ändern?

Anno 1946 fand im öster­reichischen Bregenz erstmals eine Festwoche statt. Auf zwei im Bodensee verankerten Kähnen gab es Mozarts „Bastien und Bastienne“ zu sehen und zu hören. Die Veranstaltung mauserte sich zum jährlichen kulturellen Großevent. Vergangenes Jahr wurden 197000 Besucher gezählt. © Bregenzer Festspiele, Achim Mende, Dietmar Mathis, andereart
Anno 1946 fand im öster­reichischen Bregenz erstmals eine Festwoche statt. Auf zwei im Bodensee verankerten Kähnen gab es Mozarts „Bastien und Bastienne“ zu sehen und zu hören. Die Veranstaltung mauserte sich zum jährlichen kulturellen Großevent. Vergangenes Jahr wurden 197000 Besucher gezählt.

Diese Frage stellten sich die Akustiker der Bregenzer Festspiele – und erinnerten sich an das Gesetz der ersten Wellenfront, das im Jahre 1948 aufgestellt wurde. Damals fand man heraus, dass mehrere gleiche Schallsignale, die nur leicht verzögert beim Hörer eintreffen, immer der Richtung zugeordnet werden, aus der das erste Signal gekommen ist. Selbst wenn die folgenden Höreindrücke aus anderen Richtungen stammen oder lauter sind, verortet der Mensch sie dort, woher das ­erste Signal kam. Dies gilt ­allerdings nur im Bereich zwischen 10 und 100 Millisekunden. Bei länger auseinander­liegenden Reizen wird das ­Signal eher als ein Echo wahrgenommen.

Etwa 800 Einzel-Boxen, mehr als 75 Kilometer Kabel und bis zu zehn Tontechniker sorgen  für herausragende Höreindrücke. © Bregenzer Festspiele, Achim Mende, Dietmar Mathis, andereart
Etwa 800 Einzel-Boxen, mehr als 75 Kilometer Kabel und bis zu zehn Tontechniker sorgen für herausragende Höreindrücke.

Lange Zeit war Letzteres ein großes Problem. Doch mit der modernen Digitaltechnik bekommen die Akustiker die ­Abbildung immer besser in den Griff. Führend sind hier die Soundpioniere des Ilmenauer Fraunhofer-Instituts. Sie perfektionierten das in Bregenz entwickelte Verfahren des Richtungshörens und ersannen die „Spatial Sound Stage“. Deren Kernkomponenten sind eine komplexe Software und ein Richtungsmischpult. Damit lässt sich der Bühnenstandort eines Akteurs per Knopfdruck einfangen.

Sobald jener singt, werden die Boxen in seiner Nähe aktiv. Doch dann beginnt erst der eigentliche Zauber: In Echtzeit wird die Verzögerung errechnet, mit der weiter entfernt liegende Schallwandler zugeschaltet werden müssen. Der Richtungseindruck bleibt erhalten, da das Gesetz der ­ersten Wellenfront greift.

Die Bregenzer Festspiele bieten die weltgrößte Seebühne und ein Lautsprechersystem, gegen das sich eine konventionelle Beschallungs-Anlage fast bescheiden ausnimmt. © Bregenzer Festspiele, Achim Mende, Dietmar Mathis, andereart
Die Bregenzer Festspiele bieten die weltgrößte Seebühne und ein Lautsprechersystem, gegen das sich eine konventionelle Beschallungs-Anlage fast bescheiden ausnimmt.

Doch wieso ist die Aktivierung der übrigen Lautsprecher überhaupt vonnöten? „Weil das alleinige Zuschalten der beim Akteur stehenden Boxen nicht reichen würde, um die gesamte Tribüne zu beschallen“, erklärt der Fraunhofer-Entwickler René Rodigast. Immerhin fassen die Ränge 6900 Gäste – und das alles unter freiem Himmel. Was auf der einen Seite keinerlei Dröhnen oder Nachhall ­aufkommen lässt, entpuppt sich auf der anderen Seite natürlich als sehr leistungshungrig – schallverstärkende Wände gibt es nun mal nicht.

Schon bei den ersten Versuchen wanderte der Klang akkurat mit den Darstellern über die Bühne. Akustiker und Festspielleitung hätten sich entspannt zurücklehnen und auf eine weit überdurchschnittliche Soundanlage verweisen können. Doch man wollte mehr, und so fand mit der Wellenfeldsynthese ein noch relativ junges Wunderkind der Fraunhofer-Familie den Weg nach Bregenz. Dieses Sys­tem erzeugt ein dreidimensionales Wellenfeld, nachempfunden dem akustischen Verhalten realer Geräusche.

Bregenz ist akustisch eine der anspruchsvollsten Konzertbühnen überhaupt. Dementsprechend aufwendig ist die Technik dahinter. © Bregenzer Festspiele, Achim Mende, Dietmar Mathis, andereart
Bregenz ist akustisch eine der anspruchsvollsten Konzertbühnen überhaupt. Dementsprechend aufwendig ist die Technik dahinter.

Im Gegensatz zu konventionellen Audioverfahren wird auf Phantomschallquellen verzichtet, was gewaltigen Aufwand erfordert: Um die Bregenzer Tribüne in ein Wellenfeld zu hüllen, sind die Zuhörer von einem Band aus etwa 800 Boxen umgeben, das glaubhaft die Akustik eines Opernhauses nachbildet. Dies geschieht mittels trickreicher Laufzeitmanipulationen und digitaler Effekte. Sich bewegende Geräusche werden realistischer dargestellt als über gängigen Mehrkanalton.

Jede Box kann einzeln und relativ leise angesteuert werden, was in puncto Verzerrungsarmut von Vorteil ist. „Bei PAs beträgt der Klirrfaktor teils bis zu zehn ­Prozent, in Bregenz haben wir durch ausgeklügeltes Signalprocessing weitaus weniger“, erläutert René Rodigast.

Das komplette System hört auf den Namen „Bregenz Open Acoustics“, kurz BOA, was an die gleichnamige Würgeschlange erinnert. Erdrückend soll der Klang dem Publikum aber auf keinen Fall vorkommen. Daher wird die Anlage „behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl gefahren“, wie Pressesprecher Axel Renner versichert. Obwohl Renner es keineswegs herausposaunt, ja nicht mal andeutet, bleibt festzuhalten, dass in Bregenz eines der weltbesten Großbeschallungssysteme steht.

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