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Hintergrund Kopfhörer - Trend-Gerät und High-End-Produkt

Die HiFi-Branche macht mittlerweile mehr Umsatz mit Kopfhörern als mit Lautsprechern. Welche Herausforderungen müssen Hersteller wie Sennheiser meistern, um immer hochwertigere Kopfhörer zu bauen?
Sennheiser HD 800 © Sennheiser

Noch vor zehn Jahren war ein Mann mit Kopfhörer ein Eunuch. Er durfte nicht so laut mit seinen Lautsprechern hören, wie er eigentlich wollte, weil die Wände der Plattenbau­siedlung oder das Nervenkos­tüm der Ehefrau zu dünn waren. Im schlimmsten Fall beides. Also setzte Mann sich Kopfhö­rer auf und versank in Isolation. Der kastrierte Familienvater, der „Smoke on the Water“ zwar mit Maximalpegel, aber in Einzel­haft nachlebt.

Schnitt, Zeitsprung: Heute ist ein Mann mit Kopfhörern plötz­lich ein Held des Alltags. In der U­-Bahn sind diejenigen Jungs besonders hip, die es geschafft haben, einen uralten, ihre Ohren umschließenden Bügelhörer an ihr iPhone zu docken.

Milliardengeschäft Kopfhörer

Über diesen Paradigmen­wechsel könnte man lächeln. Doch hinter dem Trend steht ein globales Milliardengeschäft. Die Zahlen könnten nicht ein­deutiger sein: Im Jahre 2005 gingen in Deutschland Kopfhö­rer im Gesamtwert von 105 Mil­lionen Euro über den Tresen. 2011 waren es 235 Millionen Euro. Für 2012 prognostiziert die Gesellschaft für Unterhal­tungselektronik (gfu) sogar ei­nen Umsatz von über 300 Mil­lionen Euro. Das ist eine Ver­dreifachung des Umsatzes in nur sieben Jahren.

Wo kommt das Geld her? Wo wird umgeschichtet? Ist der Leidtragende dieses Booms vielleicht der gute alte Laut­sprecher? Tatsächlich: Heute erwirtschaftet die Branche mehr Geld durch Kopfhörer als durch Lautsprecher. Wobei der Trend ebenso klar zu immer teureren, immer hochwertigeren Kopf­hörern geht.

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Man könnte daraus folgern, dass die gemeine Lautsprecher­box zum „alten Eisen“ absteigt. Das stimmt natürlich nicht. Auch hier zeigen wachsende Umsätze eine noch immer un­gebrochene Nachfrage. Doch der Kopfhörer ist der am stärks­ten genutzte Musikproduzent in unserer Gesellschaft.

Hochwertige Kopfhörer für iPhone & Co.

Woran liegt das? Ganz offen­sichtlich an Apple und Co. Der Boom der portablen Player, Mo­biltelefone und Tablets hat das Nutzungsverhalten einer ganzen Generation verändert.

Wer tiefer in seine Lieblings­musik eintauchen will, hat in der Regel nur eine Tuning­-Option: weg mit den beigepackten, oft lieblos verarbeiteten Billig­hörern, her mit den schönen, besseren, modischeren Kopfhö­rern. Die mitunter auch einmal die gleiche Summe kosten dür­fen wie das iPhone selbst.

Der Sennheiser In-Ear-Wandler IE 800 kostet 700 Euro. © Hersteller / Archiv
Der Sennheiser In-Ear-Wandler IE 800 kostet 700 Euro.

So bietet Sennheiser mit dem IE 800 einen In­-Ohr­-Wandler mit einer Preisempfehlung von rund 700 Euro an. Das ist einer­seits eine Kampfansage, ande­rerseits auch ein politisches Signal: Wie sicher muss sich ein Hersteller sein, dass seine eigenen Investitionen bei so einem Hochpreisprodukt wieder eingespielt werden? Sennheiser ist sich sehr sicher. stereoplay ebenfalls und hievte den IE 800 kürzlich auf den ersten Platz in der Klasse der In­-Ear­-Hörer.

Wer kauft ihn? Die Angeber werden es nicht sein. Den Wert kennt und erkennt nur sein Be­sitzer: Die Wandler verschwin­den dezent im Innenohr, das Kabel ist unauffällig – kein Ne­ongelb, keine Swarovski­-Glit­zersteine. Die Chancen stehen gut, dass derselbe Käufer auch eine High­-End­-Kombi mit Röh­renverstärker und Plattenspieler daheim hat. Synergie-­Effekt: Der Trend nützt dem High-­End­-Image an sich.

Auch innerhalb der nach­wachsenden Zielgruppe? Neh­men coole Jungs und smarte Mädchen Musik durch den Trend zum Kopfhörer anders wahr? Natürlich: Die kleine, gemeine, billige Mini-­HiFi­-Kombi der meisten Jugendzim­mer klingt deutlich schlechter als ein iPod mit gepflegten Kopfhörern. Das stetig wach­sende Angebot an mehr Spei­cherplatz im portablen Player führt ebenfalls dazu, dass Musik nicht mehr in unterirdisch schlechten MP3-­Kompressi­onen gerastert wird. Überall eine Win­-Win­-Situation.

Biometrische Merkmale

Die audiophile Folgefrage: Müssten nicht auch die Ton­meister auf den Kopfhörer­-Trend reagieren? Gemischt wird nach wie vor primär für die Wiedergabe über Lautsprecher im Stereodreieck. Die Idee der Kunstkopf-­Stereofonie genießt noch immer einen Kultstatus, aber keine Marktbedeutung.

Die wichtigen audiophilen Fragen werden anhand von Phi­losophien, Vorlieben und einer kaum wahrgenommenen Wis­senschaft beantwortet.

Pirschen wir uns an. Laut­sprecher stehen ein paar Meter vor seinem Nutzer, ein Kopfhörer liegt direkt an oder sogar in seinen Ohren. Ein Lautsprecher agiert immer in einem Umfeld unterschiedlicher Reflexionen. Steht er nahe an der Wand, steigt der Eindruck des Basspe­gels; ist der Raum unsymme­trisch eingerichtet, kippen die Balance und die Abbildungs­leistung.

Kaufberatung: Fünf On-Ear-Kopfhörer im Test

Solche potenziellen Stolper­steine kommen beim Musik­konsum per Kopfhörer nicht vor. Dafür liegen andere Pro­bleme und Vorurteile im Weg. Je näher man dem menschlichen Ohr kommt, desto stärker wer­den die individuellen Unter­schiede: Kein menschliches Ohr gleicht dem anderen.

Ohrbild und Ohrabdruck sind ebenso unverwechselbare biometrische Merkmale wie der Fingerabdruck. So überführte Anfang 2012 die Hamburger Polizei einen 33­-Jährigen, der vor dem Einbruch an den Türen seiner Opfer lauschte – und seinen strafrechtlich unzweifelhaften Ohrabdruck hin­terließ.

Sennheiser bietet für 300 Euro mit dem Momentum einen sehr edlen On-Ear-Hörer an: primär für den mobilen Genuss, mit Mikrofon im Kabelweg und echtem Leder für Bügel und Ohrpolster. © Hersteller / Archiv
Sennheiser bietet für 300 Euro mit dem Momentum einen sehr edlen On-Ear-Hörer an: primär für den mobilen Genuss, mit Mikrofon im Kabelweg und echtem Leder für Bügel und Ohrpolster.

Serienfertigung Mensch

Das Außenohr ist unterschied­lich geformt, der Hörkanal dazu unterschiedlich tief und breit. In der Summe wäre das Ohr mit einem Mikrofon vergleichbar, das alles andere als linear aus­gelegt ist und zu aller Last auch noch große Streuungen in der Serienfertigung (Menschheit) aufweist.

Kommt ein Kopfhörer ins Spiel, so verändert er selbst als aktives Element die Regeln. Wer seinen Hörkanal mit einem In-­Ear-­Plug verschließt, schafft einen neuen Peak der Gehör­gangsresonanzen zwischen sie­ben und acht Kilohertz.

Viel geschrieben wurde auch über die leitende und immens wichtige Funktion des Außen­ohres. Kopfhörer­-Gegner wer­den nicht müde zu betonen, dass auch die Schultern des Men­schen mit entscheidende Fak­toren für die Schall­-Lokalisati­on sind.

Megatest: In-Ear-Kopfhörer bis 1200 Euro

Die Fraktion der Kopfhörer­-Fans hält dagegen: Jede indivi­duelle, biologische Eigenart vermag der Mensch auszuglei­chen – spätestens innerhalb sei­nes Gehirns. Wir addieren per­manent Klang-­Informationen hinzu, filtern Unwichtiges und Störendes heraus. Besonders demonstrativ ist der „Cocktail­party­-Effekt“: Der Mensch kann störenden Schallanteile bis zu 15 Dezibel durch reine Konzentration unterdrücken.

Herausforderungen für Entwickler

Was wir beim Hören aber partout nicht vertragen, sind Irritationen. Hier liegt die viel­leicht größte Kunst der Ent­wickler. Es geht nicht nur da­rum, wie laut, wie dynamisch, wie bassstark ein Kopfhörer aufspielen kann. Sondern auch, wie präzise und human.

Der Lautsprecher über dem Mischpult im Tonstudio wird nahfeldentzerrt, ein Kopfhörer muss diffusfeldentzerrt werden. Die Hintergründe sind offen­sichtlich: Je näher uns eine Membran kommt, desto stärker steigt der Anteil an Direktschall bei gleichzeitigem Abfall von Diffusschall. Würde ein Kopf­hörer „naturbelassen“ (in der Fachsprache „freifeldentzerrt“) klingen, so müssten wir alle mit einer recht unangenehmen An­hebung um plus sechs Dezibel bei zehn Kilohertz leben. 

Das Institut für Rundfunk­technik hat hier aufwendige Berechnungen unternommen und Standards gesetzt, wie ein Kopfhöher in Phasenunterschie­den, Lautstärke und Frequenzgang am besten angepasst wer­den kann. An diese Maßstäbe kann sich ein Kopfhörer­-Hersteller halten, muss es aber nicht. Deshalb finanzieren die großen Namen der Zunft eige­ne Entwicklungsabteilungen. Mit Profis, die sich Themen stellen wie der Invertierung auf Basis einer homomorphen Zer­legung der Systemantwort oder der Berücksichtigung des Cep­stralbereichs und seiner Trennung von minimal­ und maxi­malphasigen Anteilen.

Das muss man und möchte man vielleicht auch gar nicht wissen. Aber ganz wichtig ist die Grundbotschaft: Kopfhörer werden mit dem Wissen um die Funktionsweisen des Hörens an sich stetig besser und immer weiter ausgereizt.

Das Problem der In-Kopf-Ortung

Was ganz direkt zu folgender Erkenntnis führt: Alte Platten­spieler mögen ihren Charme haben, alte Lautsprecher eben­falls – ein 20 Jahre alter Kopfhörer ist in der Regel jedoch ein Relikt, weit entfernt vom Fort­schritt. Nicht nur verkaufen sich Kopfhörer heute besser, sie klangen auch nie besser.

Ein Problem haben die Her­steller jedoch nicht lösen kön­nen: die In­-Kopf-Ortung. Aber das Problem betrifft auch die Tontechniker: Solange diese eine Gesangsstimme überdomi­nant in der Mitte vor der Boxen­ebene platzieren, solange wird genau diese Stimme bei der Wiedergabe über Kopfhörer auch nicht vor dem inneren Auge, sondern direkt im Kopf geortet. Ein gruseliger Effekt, unter dem aber nicht alle Mu­sikkonsumenten leiden.

Test: Sennheiser HD700

Hier setzt abermals die In­terpretationskunst des Gehirns ein. Wer regelmäßig im Konzertsaal die Berliner Philhar­moniker erlebt, wird die Auf­nahmen des Orchesters räumlich anders interpretieren als ein Gelegenheitshörer. Im besten Fall klingt ein Luxusorchester über ebenso anspruchsvolle Kopfhörer geradezu berau­schend besser als über Laut­sprecher. Wenn alle Faktoren mitspielen, denn ein Kopfhörer klingt nie allein. In der Topliga sollte er mit einem eigenen Verstärker betrieben werden, zumal die Klinkenbuchsen in den meisten Playern und Voll­verstärkern auf dem Rückzug oder von mieser Qualität sind.

Propagandistisch gerechnet: Ein Kopfhörer für 1.000 Euro trifft auf einen ebenso teuren Kopfhörerverstärker. Gemein­sam könnte man eine Vor­-/End­stufen-­Lautsprecher­-Kombi des zehnfachen Preises aushebeln.

Kopfhörer Orpheus plus Röhrenverstärker. © Hersteller / Archiv
Kopfhörer Orpheus plus Röhrenverstärker.

Die ewige Legende: Orpheus plus Röhre

Wer den besten Kopfhörer der Welt bauen will, muss Geld in die Hand nehmen. Nicht für luxuriöse Materialien, Goldauflagen oder Schlangenleder, sondern primär für die eigene Forschungsabteilung. 1991 stellte Sennheiser den teuersten Kopfhörer aller Zeiten vor – es wurde für viele auch der beste Vertreter seiner Art. Eine bis heute ungebrochene Legende. Der Orpheus war ein handgefertigter Elektrostat mit eigenem Kraftwerk – Sennheiser stellte ihm einen raumgreifenden Röhrenverstärker zur Seite. Der Preis verschlug einem den Atem: 30.000 Mark gab Sennheiser als Messlatte für die Kopfhörer-Fans in aller Welt vor und feuerte die Nachfrage mit einer Limitierung auf 300 Exemplare an.

Ein Außenstehender mag das als PR-Aktion abtun. Doch der Orpheus wirkte weit nachhaltiger. Als Maßstab, der in direkter Linie auch zu den heutigen Top-Wandlern der Company führte. Zudem verwandelte er in der weltweiten Wahrnehmung das Image der Kopfhörer zu einem erstrebenswerten High-End-Produkt. Gar nicht zu reden vom Boom der röhrenbetriebenen Kopfhörer-Amps, den der Orpheus auslöste.

Die schlechte Nachricht: Es gibt ihn nicht mehr. Das stimmt aber nicht ganz: Ab und zu stößt man auf eine Kombination in den bekannten Foren und bei eBay. Bei einer gut erhaltenen Okkasion sollte man sich auf eine Transfersumme von über 20.000 Euro einstellen.

Sennheiser arbeitet an neuen Kopfhörer-Verstärkern. © Hersteller / Archiv
Sennheiser arbeitet an neuen Kopfhörer-Verstärkern.

Die Erben des Orpheus – in der Pipeline

Ein Exemplar des Röhren-Amps zum Orpheus steht noch immer im Labor der Entwickler. Die Sennheiser-Profis nennen ihn halb liebevoll, halb ironisch „das Heizkraftwerk“. Er  ist eben ein schöner, aber leicht unzeitgemäßer Bolide.

Die neuen Kopfhörer-Verstärker von Sennheiser werden kompakter sein – und sind zugleich integrierte D/A-Wandler. Erste Fotos geisterten schon länger durch das Internet, nun will Sennheiser ernst machen und den HDVD 800 in den Handel bringen. Die genauen Daten der Markteinführung sind noch offen. „Im Jahr 2013“ ist alles, was man Sennheiser hierzu entlocken kann.

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Vorfreude lohnt sich: Der HDVD 800 wird kompakt im edlen Alu-Gehäuse geliefert, mit eigenem Burr-Brown-Digital/Analog-Wandler – für eine Auflösung bis zu 24 Bit und 192 Kilohertz. Ein Brudermodell ohne Wandler namens HDVA 800 soll zeitgleich erscheinen.

stereoplay durfte beim Werksbesuch zwar nicht hören, aber bereits anfassen. Die beiden Brüder sind herrschaftlich audiophil aufgebaut und mit einer Armada an Zugangswegen ausgestattet: Vier Kopfhörer könnten gleichzeitig versorgt werden.

Kein Entweder-oder

Also die Lautsprecher in den Keller tragen? Oder dem armen Neffen schenken? Und sich fortan allein dem Musikgenuss per Kopfhörer widmen? Nein, das sollte nicht die Botschaft dieser Zeilen sein. Eher erken­nen, dass das alte Entweder-­oder-­Denken an wissenschaftlicher und emotionaler Basis verloren hat.

Der Familienvater mit Kopf­hörer muss sich nicht als unter­drückter Leidensgenosse füh­len. Eher als Wissender.

 
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